Zu einer Zeit, als die Menschheit als ein Volk von Raumfahrern noch jung und unerfahren war, war selbst die Reise zu dem Stern, der der Erde am nächsten lag ein unerreichbarer Traum. In diesen Tagen verwandte man noch Schläferschiffe auf denen die Raumfahrer während ihrer langen Reise in einen Tiefschlaf versetzt wurden, bei dem der Körper nahezu zu altern aufhörte. Lange war diese Methode gebräuchlich, aber trotz allem war die Reise gefährlich und unangenehm, da die Schläfertechnik nie hundertprozentig verläßlich war, ganz besonders dann, wenn eine Mission einen sehr langen Weg vor sich hatte. Dennoch schaffte es die Menschheit nicht über die Grenzen ihres eigenen Sonnensystems hinaus.
Aber diese Tage sind schon längst vorbei. Vorbei seit der Zeit als die Physik dem guten alten Einstein und seiner unüberwindlichen Hürde der Lichtgeschwindigkeit ein Schnippchen schlagen konnte. Nun konnte man auch weiter entlegene Orte besuchen. Seitdem gibt es keine Schläferschiffe mehr, mal abgesehen von der „Cinderella“, einem verbeulten, zerkratzten Wrack, welches man noch immer im Museum für Raumfahrt besichtigen kann.
Weitaus besser als das alte, längst nicht mehr raumtaugliche Schiff sind aus dieser Zeit einige Geschichten erhalten. Manche davon mögen durchaus wahr sein, andere gehören in das Reich der Legenden. Man erzählt sich zum Beispiel von einem Schiff, das auf Jupiter niedergestürzt ist und nun unwiederbringlich im ausgedehnten Wasserstoffozean seiner Oberfläche ruht. Man erzählt Geschichten von einer Mission, die weit bis zum Pluto hinausfliegen sollte und welche nach Jahrzehnten der Reise noch immer jung und frisch auf die Erde zurückgekehrt ist, während Freunde und Familie längst im Greisenalter waren, sofern sie nicht schon gestorben waren. Es gibt viele solche Geschichten, ein beliebtes Märchen welches Mütter ihren Kindern erzählen ist das von dem Schiff, welches vom Kurs abgekommen ist und nun noch immer in den Tiefen des Alls umherirrt und auf seine Rettung wartet, an Bord, eine ganze Mannschaft im Tiefschlaf.

 

Auch Rem Belar hatte diese Geschichte von seiner Mutter erzählt bekommen als er noch ein Kind war. Heute ist er längst erwachsen und durchfliegt selbst den Raum mit seinem kleinen Schiff. Rem war recht klein, dürr und ziemlich bleich, wie fast jeder Raumfahrer, aber gewiß keiner von diesen heldenhaften Abenteuern, von denen alte Utopien berichten. Rem war zeitlebens ein Tagträumer gewesen, aber anstatt seine Träume Wirklichkeit werden zu lassen, hatte er dazu nie den Mut und den Willen. In letzter Zeit, immer wenn er in den Spiegel sah und ein weiteres graues Haar auf seinem Kopf entdeckte, wurde Rem bewußt, daß das einzige wirklich herausragende, das er in seinem Leben bislang zustande gebracht hatte der Geburtstagskuchen für seine Mutter gewesen ist. Und das auch nur weil er hart wie ein Asteroid und schwarz wie der Weltraum war. Und jetzt wurde Rem allmählich alt. Wenn das alles sein sollte, was das Leben für ihn zu bieten hatte ...

Rem wollte eigentlich immer Captain auf einem dieser gewaltigen Kreuzfahrtschiffe werden, auf denen die Reichen und Schönen des Universums ihren Urlaub verbrachten, aber man hatte ihn noch nicht einmal zum Eignungstest zugelassen. Deshalb hielt er sich mit einigen mehr oder weniger sauberen Fracht- und Kurierdienste eben mal so über Wasser. Sein kleines Schiff war alt und klapprig und eigentlich schon längst ausgemustert, aber Rem liebte es trotz seiner vielen Macken. Mal abgesehen von dem Schiff besaß er noch zwei ausgebeulte Duratex-Hosen, ein paar abgewetzter Raumstiefel und einem nicht weiter nennenswerten Sortiment von anderen Kleidungsstücken.

Rem hatte gerade einem arcturianischen Transporter einen Frachtcontainer übergeben, dessen Inhalt für ihn eines der letzten Rätsel des Weltraums darstellte, und nun war er auf dem Weg zur Raumstation Kappa 73 um Vorräte aufzufüllen und ein paar Reparaturen durchführen zu lassen. Der Flug war reichlich unspektakulär, und Rem vertrieb sich die Zeit damit, indem er mit dem Bordcomputer Tic Tac Toe spielte. Der Computer mochte vielleicht so unzuverlässig wie ein 200 Jahre alter Denebianer mit chronischer Tunguskitissein, Tic Tac Toe spielen konnte er aber. Rem hat in den vielen Jahren kein einziges Mal gewonnen. Auf der Station wollte Rem erst einmal den einen oder anderen heben, sofern er nach den Reparaturen noch genügend Geld für einen anständigen Rausch übrig hatte. Durstig geworden zog er unter einer Konsole eine nahezu leere Flasche hervor, in der sich eine trübe, rostig aussehende Brühe befand, die auf Kappa 73 schwarz gebrannt wurde . Das Zeug schmeckte wie Maschinenöl und Raketentreibstoff und ätzte einem das Fleisch vom Gaumen. Rem wußte zwar nicht, was Raketentreibstoff überhaupt gewesen sein sollte, stellte es sich aber genau so vor. Wenn man sich an den eigenwilligen Geschmack und den Schmerz gewöhnt hatte, konnte man die eindeutigen Vorzüge dieses Fusels durchaus zu schätzen wissen. Wenigstens war das Zeug billig.

Rem genehmigte sich einen tiefen Schluck und wartete, daß das Brennen nachließ, als ihn der Alarm aus seiner vorübergehenden Abwesendheit schreckte. Er schüttelte sich benommen, erkannte den Alarm als Kollisionswarnung und hämmerte wie wild auf die Computerkontrollen ein um herauszufinden, in welche Richtung er ausweichen mußte. Hier draußen war es ziemlich schwierig auch nur einen Felsbrocken als solchen zu erkennen, das ganze Gebiet war von harter Raumstrahlung verseucht, woran das gewaltige schwarze Loch Schuld war, das hier sein Unwesen trieb. Außerdem machten einem noch zusätzlich Gravitationsuntiefen das Leben als Raumfahrer schwer.
Einen Sekundenbruchteil zu spät erkannte Rem woher das Hindernis kam, er versuchte noch auszuweichen, wurde aber dennoch gestreift. „Verflucht nochmal!“ entfuhr es ihm, als er feststellte, daß er jetzt noch ein paar Sensoreinheiten zusätzlich los hatte. Auf dem Bildschirm flog gemächlich ein klobiges Schiff vorbei, gut dreimal so groß wie Rems, unbeeindruckt, ohne seinen Kurs auch nur ein müdes Grad geändert zu haben.

„Na toll! Als ob ich nicht schon zu viel Geld für Reparaturen ausgeben müßte!“ brammelte Rem, und entschloß sich dieses Mal das Schiff zu verfolgen um eine Entschädigung zu verlangen. Normalerweise tat er so was nie, da er möglichen Schwierigkeiten lieber aus dem Weg ging, aber Rem hatte sowieso schon einen verflixt fürchterlichen Tag hinter sich, und der Fusel tat sein übriges.

„He, ihr da!“ funkte er auf der Universalfrequenz zu dem Schiff hinüber. „Was sollte denn das eben?“ Keine Antwort, nur Rauschen. „Ihr habt mich gestreift!“ weiterhin Stille. „Wer bezahlt mir das jetzt?“ noch immer kein Wort von dem Schiff. Vielleicht war ich zu unfreundlich, dachte sich Rem und versuchte es noch mal anders.

„Hallo! Hier ist das Raumschiff ‚Müdes Wiesel’ unter Captain Belar! Bitte um Antwort!“ Das Schiff schwieg beharrlich, auch als Rem seinen Ruf ein weiteres Mal wiederholte. Der Gedanke, daß das seltsame Schiff eine so winzige Nußschale geflissentlich ignorierte, machte Rem ärgerlich. „Das war NICHT nett!“ funkte er schließlich und entschied sich dazu, dem Schiff ein wenig auf den Pelz zu rücken. Ein solches Schiff war ihm noch niemals unter die Augen gekommen, dachte er zumindest zunächst, aber als er noch näher heranflog, kam ihm das Modell dann doch irgendwie bekannt vor, auch wenn er es gerade nicht einordnen konnte. Jedenfalls schien es auch nicht mehr das allerjüngste zu sein, die Außenhülle war bereits von unzähligen Mikrometeoriten zerschrammt und zernarbt worden. Rem flog nahe genug heran, um trotz der Strahlung ein paar vernünftige Sensordaten zu erhalten. Die Werte überraschten ihn , offenbar war das Schiff verlassen, es ließ sich kein Lebenszeichen an Bord feststellen. Deswegen auch keine Antwort, ein zurückgelassenes Wrack also, noch dazu in der Nähe eines gierigen schwarzen Loches, das den Unrat demnächst beseitigen würde. Umso besser, dann stört es ja auch keinen, wenn ich mich da drüben mal umsehe, und vielleicht gibt es ja noch immer ein paar nützliche Dinge zu holen, mit denen ich die Reparatur bezahlen kann, dachte sich Rem und suchte eine Andockbucht. Wer weiß, sinnierte er weiter, was mit dem Schiff überhaupt los war, wenn man es neben einem schwarzen Loch ausgesetzt hatte, das die Schmutzarbeit erledigen sollte. Rem erinnerte sich daran, daß etliche Kleingauner solche Himmelsobjekte für Raumschiffversicherungsbetrügereien ausnutzten. Der Kurs, den das Schiff eingeschlagen hatte, sprach darüber hinaus auch für diese Theorie, aber Rem wollte sowieso nicht allzu lange bleiben.

 

Eine ganze zeitlang kämpfte der Raumfahrer mit der Steuerung der Schleuse in der Andockbucht, bevor sie endlich zischend auffuhr und ihm den Weg in das Schiff freigab. Die Luft hier drin war muffig und modrig und hatte außerdem noch einen ganz anderen Beigeschmack, der Rem nicht sonderlich behagte. Schön, schnapp dir die erstbesten Teile, die halbwegs verwertbar aussehen, und dann nichts wie weg hier! Den Rest erledigt das schwarze Loch - was auch immer es hier zu erledigen gab!

Rem wanderte langsam den langen Gang entlang der sich vor ihm erstreckte. Er war lediglich mit trüber Notbeleuchtung erhellt, und sogar die flackerte an einigen Stellen unheilvoll. Rem wurde ein wenig flau im Magen, einfach so aus Gewohnheit. Am Ende des Gange traf er auf eine weitere Schleuse, die sich etwas bereitwilliger öffnen lies. Er zuckte unwillkürlich zusammen, als sie zischend beiseite glitt, Schweißperlen bildeten sich auf seiner grauen Stirn. Rem wünschte sich auf einmal nichts sehnlicher, als dieses Wrack niemals betreten zu haben. Warum eigentlich? Bis jetzt ist doch noch nichts passiert, versuchte er sich selbst zu beruhigen. Ja schon, bis jetzt ... reiß dich zusammen, du Waschlappen! Und damit zwang er sich, durch die Schleuse zu treten.

 

Rem traute seinen Augen nicht, was sich ihm hier zeigte, hatte er noch nie gesehen. Der ganze Raum war voll von seltsamen Gerätschaften und Monitoren über welche grün-leuchtende Datenkolonnen rauschten, die Rem absolut rein gar nichts sagten. Auch den Zweck der eigenartigen Geräte blieb ihm ein Rätsel, verlassene Sessel überall vor den Monitoren brachten ihn auf den Gedanken, daß das hier wohl eine Art Brücke sein mußte. Aber eine reichlich seltsame Brücke! Mißtrauisch sah sich Rem um, fand aber nichts was er gebrauchen konnte und beobachtete einige Augenblicke lang einen Bildschirm, wie er unverständliche Hieroglyphen ausspuckte, löschte und durch neue ersetzte. Ansonsten war es totenstill. Nur das leise Surren eines Antriebes drang von irgendwoher hier hinauf, wie Wind, der durch die Schlüssellöcher eines alten Hauses pfiff. Als nach etlichen Minuten noch immer nichts ungewöhnliches passiert war - zumindest in Anbetracht der Umstände - beruhigte sich Rem wieder. Auf der anderen Seite der sogenannten Brücke fand er ein weiteres Schott. Etwas forscher geworden öffnete er auch dieses, tastete aber dennoch nach seiner Energiepistole, bevor er hindurch trat. Diese Waffe war ein nicht gerade vertrauen erweckendes Teil, welches zu Tausenden auf Rigel 4 hergestellt wurde, wodurch sie recht billig war, dafür aber auch in unregelmäßigen Abständen an Ladehemmung litt.

Auf der anderen Seite der Schleuse befand sich ein weiterer Korridor, etwas kürzer als der erste, welcher zur Brücke führte. Die Luft hier war nicht nur ebenfalls stickig und abgestanden, sondern auch noch eiskalt. Die Wände waren mit glitzernden Eiskristallen bedeckt, ebenso der Boden, beinahe wäre Rem ausgerutscht und gefallen. Der Gang endete ebenfalls in einer Schleuse, auf der sich Symbole befanden, die Rem nicht zu deuten wußte. Zögernd tastete er nach den Kontrollen und mühte sich, das Schott aufzubekommen. Dann endlich fuhr es zischend wie die Schleusen vorher beiseite und machte einem Schwall ganz besonders übel riechender Luft den Weg frei. Ich muß verrückt geworden sein, dachte sich Rem und steckte den Kopf durch die Schleuse. „Bei allen Monden Jupiters!“ entfuhr es ihm total entgeistert, die Energiepistole glitt ihm aus der Hand und schlug krachend af dem metallenen Deck auf. „Was ist das für ein Schiff! Galaxis!“

Der Raum in dem sich Rem nun befand war riesig. Ermußte fast das halbe Schiff ausmachen und war von noch viel eigenartigeren Dingen vollgestopft als jene, die Rem auf der Brücke gesehen hatte. Er fragte sich fassungslos ein weiteres mal, was das verflucht noch mal für ein Schiff war, und weshalb jemandem daran gelegen war, es zu beseitigen. Nun, genau genommen standen fast zwanzig dieser Gründe direkt vor Rem in dem riesigen Raum. Er hatte zwar nicht die leiseste Ahnung wozu diese Dinger gut sein sollten, aber ein unangenehmer Verdacht sagte ihm, daß er da womöglich in irgend etwas geraten war, was entschieden zu groß für seine Verhältnisse war. Und das stank nach gewaltigem Ärger. Etwas was Rem eigentlich unter allen Umständen zu vermeiden suchte. „Oh du Marat-Hirn!“ fluchte er. „Schaffst es aber auch echt jedes Mal wieder. Wunderbar!“ Am liebsten hätte er sich selbst eine runtergehauen. Aber was soll’s, dachte er weiter. Wo du nun schon mal hier bist, kannst du ja auch mal einen Blick auf diese Zylinder-Dinger werfen - ich glaub nicht was ich hier tue! Halbherzig näherte er sich einem der besagten Zylinder. Sie waren ungefähr zwei Meter hoch und einen halben durchmessend. Manche davon leuchteten in einem eigenartigen blau-violetten Licht, manche waren unbeleuchtet. An den Seiten der Zylinder befand sich jeweils ein kleines Gerät, das Rem einfach mal für eine Computereinheit hielt. An einigen leuchteten blaue Lichter, an einigen rote. Zuerst wollte sich Rem den erstbesten Zylinder vornehmen, entschied sich dann aber doch dagegen. „Wer weiß, was das für ein Zeug ist, was da drin ist! Sieht unangenehm aus! Die anderen sind ja offensichtlich leer - hoffe ich! Ich glaub’s einfach nicht - jetzt rede ich schon mit mir selbst!“

Rem näherte sich einem der dunklen Zylinder und begann unbeholfen an dem kleinen Gerät herumzufingern. Nichts geschah. Er versuchte es weiter. Die rote Lampe begann zu blinken, Rem wurde allmählich immer nervöser. Das Licht blinkte weiterhin. Ansonsten passierte nichts. „Ah, diesen Knopf hab ich noch gar nicht versucht!“ Ein leises Piepen. Dann ein Zischen - der Zylinder öffnete sich, die vordere Hälfte schwang auf wie eine Tür und gab Sicht frei auf den Inhalt. Rem schrie wie am Spieß.

Das Etwas in dem Zylinder war zweifellos ein Lebewesen - zumindest irgend wann einmal gewesen. Der Geruch war jetzt stark genug und ganz unzweifelhaft eindeutig. Der Körper war durch die Kälte hier halbwegs konserviert worden und grinste Rem steifgefroren an. Voller entsetzten schlug der Raumfahrer auf den Knopf welchen er als letztes betätigt hatte. Der Zylinder schloß sich, wofür Rem sehr dankbar war. Plötzlich wurden seine Knie weich und gaben auf. Rem sank auf den eisigen, reifbedeckten Boden und kämpfte verzweifelt gegen den Würgereiz in seinem Hals an. Vollends beruhigen konnte er sich zwar nicht, schaffte es jedoch erst mal seine Beine wieder dazu zu überreden, normal zu funktionieren. Was in den Zylindern war, war hiermit also geklärt. Moment, genau genommen war nur geklärt, was sich in den unbeleuchteten Zylindern befand. Rem entwickelte plötzlich eine Theorie, die ihn dann doch wieder einigermaßen neugierig machte. „Ich bin verrückt, durchgeknallt, absolut irre!“ stammelte er und lies noch einmal den Blick durch den Raum schweifen. Er zählte ein weiteres Mal zwanzig Zylinder insgesamt, genauer: siebzehn unbeleuchtete und drei welche bläulich leuchteten.> Drei beleuchtete!

Bevor er sich’s anders überlegte steuerte Rem auf den ersten noch leuchtenden Zylinder zu und begann wieder mit zitternden Fingern die Kontrollen zu bearbeiten. Sein Herz raste. Dieser lies sich um einiges schwieriger öffnen als der andere, aber nach unzähligen Augenblicken ertönte ein Zischen - viel lauter als bei dem ersten Zylinder. Rem fragte sich, ob das wohl ein gutes Zeichen sei. Als der Zylinder Anstalten machte aufzuschwingen, bekam es Rem ziemlich gehörig mit der Angst zu tun und schwankte mehrere Schritte nach hinten. Dichte, eisige Nebelschwaden ergossen sich auf das Deck so daß Rem alsbald bis zu den Knien darin stand. Nervös suchten seine Augen den Ausgang um nötigenfalls die Flucht zu ergreifen. Eine Gestalt wurde im Inneren des Zylinders sichtbar.Der Nebel lichtete sich, Rem mußte sich dazu zwingen, einen Blick darauf zu werfen. Erleichtert atmete er auf - für’s erste zumindest und wagte es schließlich wieder näher zu kommen. Die Gestalt sah noch - nun ja - relativ frisch aus. Ein menschliches Wesen, eindeutig. Eine Frau, um genau zu sein, sogar eine nicht gerade unansehnliche - fand Rem! Ob sie auch ... ? Rem streckte die Hand aus und berührte klamme, kühle Haut. Plötzlich öffnete die Frau die Augen, Rem kreischte entsetzt auf, spürte noch wie ihn etwas unglaublich hartes am Kopf traf - und dann wurde alles schwarz.

 

 

Minnie Rose war schon immer kräftiger und widerstandsfähiger gewesen, als man ihr es auf den ersten Blick zugetraut hätte. Außerdem war sie ein hervorragender Captain und hatte schon unzählige Missionen geleitet. Aber trotz der vielen Flüge war es jedesmal aufs neue unangenehm in Tiefschlaf versetzt zu werden, da man meistens recht lebhaft träumte, und das selten besonders angenehm. Glücklicherweise konnte sie sich jetzt nicht mehr daran erinnern, was sie zu dem Zeitpunkt geträumt hatte, als sie fühlte wie ihr Körper sich auflöste und in eisiger Kälte verschwand. Sie wollte schreien, aber ihre Stimme versagte, mit nahezu unmenschlicher Willensanstrengung gelang es ihr schließlich, die Augenlider zu öffnen - und starrte direkt in eine verzerrte Fratze, bleich wie ein Gespenst. Ohne großartig darüber nachzudenken holte sie aus und verpaßte dem Wesen den Schwinger seines Lebens.

Zitternd und steifgefroren vor Kälte schleppte sie sich zu dem Schrank, in denen Kleidungsstücke bereitgehalten wurden, kramte umständlich nach einem grauen Overall und schlüpfte hinein. So allmählich konnte sie wieder klare Gedanken fassen und warf einen Blick auf den zu klein geratenen Kerl der ausgestreckt auf dem Deck lag. Inzwischen tat es ihr leid, dem ahnungslosen Mann geschlagen zu haben, aber es war eine Reflexhandlung. Bestimmt gehörte er nur zu einem Rettungsteam. Das etwas schiefgelaufen war wurde ihr schlagartig bewußt, als sie die vielen ausgefallenen Schlafkammern gesehen hatte. Nur zwei hatten es außer ihr noch geschafft, und sie wollte sie nicht aufwecken, bevor sie genau wußte, was eigentlich los war. Der Mann bewegte sich und stöhnte leise. Nicht gerade ein attraktives Exemplar, der Kerl, dachte sie sich und steckte ihre tiefgefrorenen Füße in ein paar Bordstiefel. Eigentlich ist der doch ein wenig zu klein geraten für einen Astronauten, überlegte Minnie weiter. Die nehmen heutzutage aber auch jeden! Der Mann setzte sich benommen auf, schüttelte sich und wagte sich dann auf seine wackligen Knie.

„Wer sind sie?“ wollte Minnie wissen. Entsetzt fuhr er herum, taumelte und wäre beinahe wieder gestürzt. „Ich ... äh ... mein ... äh ... Belar! Mein N-name ist Rem. B-belar, Rem Belar heiße ich!“ stammelte der bleiche Mensch.

„Das eben tut mir leid.“ entschuldigte sich Minnie. „Muß wohl einen schlechten Traum gehabt haben. Sind sie vom Rettungsteam?“

„Rettungsteam?“ Rem starrte die Frau verwirrt an, was Minnie nervös machte. Wenn er nicht zu einem Rettungsteam gehörte, weshalb war er sonst hier draußen.

Ansonsten flog hier zwischen den Planeten des Sonnensystems ja nicht viel rum. Und Urlaubsflüge durch den Raum waren noch nicht notwendigerweise Alltag. Zumindest nicht hier draußen in der Nähe des Uranus.

„Tun sie mir einen Gefallen und lassen das Theater. Ich bin gerade erst aufgewacht und fix und fertig mit den Nerven. Nehmen sie also bitte etwas Rücksicht!“ herrschte Minnie den Mann an, erschrocken zuckte er zusammen. „ Also, was ist passiert!“

„Passiert? Ich weiß nicht. Ich habe ihr Schiff gefunden und dachte, es sei verlassen. Tut mir leid, ich wollte hier nichts ...“

„Was soll das heißen? Was ist hier los?“

„Wüßte ich auch gerne! Ehrlich, ich wollte wirklich nicht ...!“

„Aber wenn sie nicht zu einem Rettungsteam gehören, wozu denn dann!“ Minnie verstand die Welt nicht mehr. Konnte es sein, daß man nach dem Unfall, oder was auch immer passiert sein mochte ihr Schiff einfach abgeschrieben hatte? Die Mannschaft für tot erklärt? Und jetzt hatte sie eine andere Mission zufällig doch entdeckt? Unmöglich, das wollte sie einfach nicht glauben. Sie stürmte auf die Schleuse zu in Richtung Brücke. Der Mann mit dem seltsamen Namen folgte ihr.

Minnie lies sich vor der Kommunikationsstation nieder, stellte die richtige Frequenz ein, nahm das Headset und begann zu sprechen. „Mission Control! Hören sie mich! Hier ist die „Dornröschen, Captain Rose! Hören sie mich, Mission Control! Bitte antworten sie!“

Plötzlich begriff Rem. Natürlich! Jetzt wußte er auch, woher ihm das Schiff bekannt war. Aber ja doch! Dieses Schiff sah genau so aus wie jenes, das er vor vielen Jahren im Raumfahrt-Museum gesehen hatte. Und dann diese Zylinder! Das hier war ein Schläferschiff! Unglaublich, dieses alte Märchen, das alle Kinder kennen, es war Realität! Was für ein Fund! Ich werde berühmt! Sensationell! Die arme Frau denkt sie wäre noch immer in der alten Zeit - und das ist inzwischen schon fast tausend Jahre her!

„Mission Control!“ Minnie versuchte es noch immer verzweifelt.

„Die werden sie nicht hören!“ sagte Rem vorsichtig.

„Wie, die werden mich nicht hören! Mein Com-Gerät funktioniert doch einwandfrei!“

„Daran liegt es auch nicht. Wissen sie wieviel Zeit vergangen ist?“

„Nein, aber ... was kann schon ... was ist hier los!“ Minnie war ziemlich verwirrt. Was immer in der Zeit geschehen sein mag, während sie geschlafen hatte, sie war sich nicht sicher ob sie das wirklich wissen wollte. Rem nannte ihr die gegenwärtige Jahreszahl. „Das glaube ich nicht! Sie sind ja verrückt!“ Vielleicht bin ich das wirklich dachte Rem bei sich. Minnie sprang auf und lief zu einer anderen Konsole hinüber. Sie bearbeitete die Tastatur eine Weile und bekam es immer mehr mit der Angst zu tun. „Wo sind wir? Ich bekomme Werte, die absolut absurd sind! Ich kann unseren Standort nicht lokalisieren!“

„Wir befinden uns im Sektor 24/3. Der nächste Stern ist Antares. Von der Erde sind sie inzwischen ziemlich weit weg geraten!“

„Lassen sie das!“ herrschte Minnie Rem an, der ein weiteres Mal erschrocken zusammenfuhr. „Sie sind ein ziemlicher Scherzkeks! Meine Anzeigen bestätigen zwar, was sie über die vergangene Zeitspanne sagen, aber woher will ich wissen, daß sie nicht vorher gesehenen haben, welche Fehlfunktion der Computer hat und das jetzt ausnutzen um mich fertigzumachen!“ Sie dachte schon daran, daß das alles hier ein mieses Psycho-Spielchen war. Aber nicht mit mir! Nicht mit Captain Rose!

“Welchen Grund hätte ich dazu. Lassen sie mich doch wenigstens beweisen, was ich gesagt habe!“

„Na schön, kommt darauf an, wie sie das bewerkstelligen wollen.“

Rem schaffte es Minnie Rose dazu zu überreden, auf sein eigenes Schiff mitzukommen. Minnie konnte nichts mit all den seltsamen Geräten und Maschinen anfangen, die der Kerl da auf seinem komischen Schiff verwendete. Aber daß sie zumindest irgend eine wichtige Funktion hatten, stand außer Zweifel. Auch bei dem Schiff handelte es sich tatsächlich um ein reales, raumtüchtiges Exemplar. So viel konnte Minnie zumindest aus ihren eigenen Beobachtungen schließen. Konnte es tatsächlich wahr sein? War es möglich daß sie fast tausend Jahre im Weltall herumgeirrt war. Konnte es sein, daß die Schlafkammern so lange funktioniert hatten- zumindest ihre eigene? Träume ich etwa immer noch? Nein, das schloß sie aus. Träume sind anders. Nicht so wie das hier. Rem erzählte einiges über die Gegenwart und Minnie war sich eigentlich nicht sicher ob sie auch alles verstand. Auch die Möglichkeit, daß sie sich das alles nur in einem Anfall von Wahnsinn zusammenphantasierte, wie es manchen bedauernswerten Astronauten nach langem Schlaf schon mal passierte, konnte sie nicht so recht glauben. Soviel Phantasie hatte sie in ihrem ganzen Leben noch niemals besessen.

So unwahrscheinlich es auch erscheinen mochte, die einzige logische Erklärung für das alles hier war, daß dieser Rem Belar tatsächlich Recht hatte. Minnie kam sich auf einmal wie überfahren vor.

„Na schön, sie haben mich überzeugt - so irgendwie zumindest. Es will mir zwar beim besten Willen nicht in den Schädel, aber ich sehe keine andere Möglichkeit. Das ist alles zu abgedreht!“ Das erste Mal in ihren Leben war Minnie einer handfesten Depression nahe. Und das, wo sie sich doch für besonders unerschütterlich gehalten hatte.

„Was nun? Wahrscheinlich erinnert sich heutzutage niemand mehr an mein Schiff, meine Mannschaft, geschweige denn mich selber. Und es gibt auch schon lange keinen mehr, den ich kenne.“

„Und was ist mit den anderen, die noch im Tiefschlaf sind?“

„Roger und Smite. Ich möchte sie nicht aufwecken bevor ich ganz genau weiß, wie’s weitergeht. Trotzdem. Auch die beiden kennt hier niemand mehr. Mein Gott, ich bin ein lebendes Fossil!“ Minnie legte den Kopf in ihre Hände und kämpfte gegen die aufkommende Verzweiflung an. Die starke, abgebrühte Captain Rose, ein seelisches Wrack - na wunderbar! Dachte sie und versank in Schweigen.

„Aber nicht doch! Wissen sie, ich denke schon, daß es noch genügend Leute gibt, die sich an sie erinnern werden!“

„Was soll das heißen?“

„Naja, die Geschichte von dem Schiff, das damals zu Zeit der Schläfertechnik vom Kurs abgekommen ist und seitdem im Weltall umherirrt kennen hier alle Menschen! Man erzählt sich davon seit Generationen! Stellen sie sich doch mal vor, man wird sie mit offenen Armen empfangen!“ sprudelte Rem überschwenglich. Eigentlich, so dachte er sich, habe ich schon als Kind gewußt, daß dieses alte Märchen im Grunde genommen war ist. Ich bin ein Held!

„Tatsächlich?“ Minnie tauchte wieder zwischen ihren Handflächen auf und starrte Rem mit einem schwachen Glanz von Hoffnung in den Augen an.
„Aber natürlich! Sie sind eine berühmte Frau, Captain Rose!“ Und ich auch, ich bin ein berühmter Mann.

„Aber, wie komme ich zur Erde zurück? Sie sagten ihre Schiffe würden heute mit Überlichtgeschwindigkeit fliegen können. Meines nicht. Und es hat tausend Jahre gebraucht bis ich hier draußen angekommen bin!“

„Machen sie sich keine Sorgen darüber. Bis zur Raumstation Kappa 73 schaffen sie’s in einem Monat. Und dort rufen wir ein Schleppschiff. Das bringt sie sicher und schnell zu Erde.“

 

Rem behielt recht. Die „Dornröschen“ braucht einen Monat und drei Tage bis Kappa 73. Rem’s eigenes Schiff hätte zwar nur knappe vier Stunden gebraucht, aber das machte jetzt auch nichts mehr. Minnie versuchte in dieser Zeit über die letzten Jahre ein paar Dinge nachzulesen, und fand genügend Material, obwohl Rem’s Computer nur vergleichsweise wenige historische Daten gespeichert hatte. Schließlich konnte Rem Geschichte noch nie leiden, also beschränkte sich Minnie auf die Technik des Überlichtantriebes. Trotz allem war Minnie nicht ganz wohl in ihrer Haut. Sie befand sich jetzt immerhin in einer Welt, die ihrer eigenen soviel voraus hatte, daß sie sich wie ein Neandertaler mit Keule vorkam und sich manchmal vorstellte, wie man sie und ihre verbliebenen Crewmitglieder in einem Zoo ausstellte, wo sie öffentlich bestaunt werden konnten. Seht euch die primitiven Menschen an. Das waren jene Wilde, die ihre Raumfahrer in Tiefschlaf versetzten mußten, damit sie die langen Reisen durch den Weltraum überstehen konnten! Eine echte Horrorvision!

Die Raumstation war - mal abgesehen von Rem’s Schiff - das überwältigendste, das Minnie jemals gesehen hatte. Mitten im Raum, ohne in der Umlaufbahn von irgend etwas zu schweben. Auf der Station selbst sah sie Dinge, die ihr wie Hexerei vorkamen, Rem erklärte ihr zwar alles so gut es ging, aber dennoch, manche Dinge waren nach ihrem Wissen der Physik absolut unmöglich. So, wie schneller als das Licht zu fliegen. Minnie hatte Angst vor allem weiteren, was sie noch zu Gesicht bekommen würde, gerade eben, weil sie nichts davon verstand.

Zumindest die Bar der Station kam ihr vage als etwas Vertrautes vor. Rem hatte sie zu einem Beruhigungs-Drink eingeladen. Und nun saß sie vor einem schlecht gespülten Glas in dem sich irgend eine trübe, rostig aussehende Brühe befand, die nach Terpentin und einigen anderen undefinierbaren Dingen roch. Rem versuchte ihr gerade etwas zu erzählen, da näherte sich ein ungewaschen aussehender Mann.

„N’Tach! Schönes Schiff haben sie da draußen.“ sagte er zu Rem.

„Weiß ja nicht, wo sie das alte Wrack gefunden haben, aber ich werde ihnen deswegen keine Fragen stellen, wenn sie wissen was ich meine. Ich mach ihnen ein Angebot: zweitausend Eier auf die Hand, und dabei zahl ich noch gehörig drauf!“

„Danke, bin nicht interessiert! Mein „Wiesel“ ist unverkäuflich!“ meinte Rem verärgert, weil der Mann sein kleines Schiff offenbar als Wrack bezeichnet hatte.

„Ach, die Nußschale interessiert mich nicht. Ich meine das große! Das Wrack eben! Sie wollen doch nicht behaupten, daß das Ding noch fliegen kann. Hat ja gar keinen anständigen Antrieb mehr! Kauf’s ihnen aber trotzdem ab. Ich mein, wer will die alte Fregatte denn sonst noch haben!“ schwafelte der ölige Typ unbeeindruckt weiter.

„Rem, der meint die ‚Dornröschen’!“ flüsterte Minnie ihm ins Ohr.

„ Niemals! Zweitausend! Ist ja lächerlich! Wissen sie denn nicht, um was für ein Schiff es sich handelt? Es ist unbezahlbar! Eine Antiquität! Eine Legende, eigentlich!“ empörte sich Rem, der Fremde grinste bloß schmierig.

„Sie sind mir einer! Glauben sie bloß nicht sie könnten noch mehr für den Schrotthaufen rausschlagen! Das Modell kratzt mich nich’ , mit den alten Dingern kenn ich mich eh nicht aus. Also, was ist!“

„Hören sie mal! Haben sie noch nie von den alten Schläferschiffen gehört? Die Geschichte von dem einen, das seit langen Zeiten durch den Raum irrt!“

„Kleiner, du glaubst doch nicht auch noch die Märchen, die dir deine Mutter erzählt. Das Ding existiert nicht! Ein Märchen für kleine Rotznasen, weiter nichts! Da könnt ja jeder mit so’nem alten Wrack daherkommen und so’ne Scheiße erzählen. Das zieht nicht, klar, du Winzling!“ und damit verschwand der Mann.

„Sie sagten doch, jeder würde die Geschichte kennen. Warum hat er’s nicht geglaubt, ich dachte ...“ stammelte Minnie verzweifelt.

„Ach, das war doch nur so ein Idiot. Hier draußen treibt sich nur Gesindel rum. Ich ruf später mal die Raumfahrtbehörde an. Lassen sie sich von dem Spinner nicht so aufregen!“ beschwichtigte Rem den Captain des tausend Jahre alten Schiffes. Obgleich, ein wenig wütend war er inzwischen auch. Er hätte ihm vorschlagen sollen, das Schiff anzuschauen, die altertümliche Brücke, die Schläfertanks. Dann hätte er ihm geglaubt. Nicht, weil er ihm das Schiff tatsächlich verkaufen wollte, nein, es ging um’s Prinzip!

Minnie saß neben Rem, als er die Raumfahrtbehörde kontaktierte. Eine Hologrammtechnik, wie diejenige, die sie nun zu Gesicht bekam existierte zu ihrer Zeit nur in Science Fiction - Geschichten, Jetzt saß eine Sekretärin der Behörde in Lebensgröße hinter ihrem Schreibtisch vor Minnie, obwohl sie sich eigentlich Lichtjahre weit weg befand. Minnie dachte, sie bräuchte nur die Hand auszustrecken um ihre makellose Uniform zu berühren.

„Guten Tag, was kann ich für sie tun?“ flötete die Frau freundlich.

„Äh, ja. Wissen sie, ich habe ein Schiff gefunden. Es trieb durch den Sektor 24/3. Aber es ist nicht irgend ein Schiff ...!“

„Verstehe! Ein führerloses Schiff, ein Wrack um genau zu sein. Ich darf ihnen im Namen der Raumfahrtbehörde für ihre Mitteilung danken. Wir schicken auf der Stelle ein Team los, welches das Wrack beseitigt. Sie haben geholfen, einen öffentlichen Verkehrsweg sicher zu halten! Vielen Dank für ... !“

„Aber nein!! Kein Wrack! Am besten verbinden sie mich mit ihrem Chef, oder sonst einem hohen Tier! Es ist wirklich wichtig!“

„Verzeihen sie, das kann ich nicht so ohne weiteres tun! Aber wenn es sich tatsächlich nicht um ein führerloses Wrack handelt ... würden sie mir bitte näher erklären, um was für ein Schiff es sich handelt, damit ich sie zur richtigen Stelle weiterleiten kann?“ säuselte die Sekretärin weiter, war aber deutlich interessierter geworden. Na also, dachte Rem. Ich wußte doch, die kennen sich mit so was aus!

„Nun ja, es ist ein altes Schiff - ein ziemlich altes Schiff. Um genau zu sein so an die tausend Jahre alt, wenn sie verstehen, was ich meine!“

„Tut mir leid, ich verstehe eben nicht!“ antwortete die Frau, jedoch war ihr Interesse nun einer leichten Gereiztheit gewichen, die auch Rem auffiel. Na schön, sinnierte er, vielleicht sollte ich nicht zu sehr um den heißen Brei herumreden. So eine vielbeschäftigte Frau macht das immer ärgerlich, wenn man ihre Zeit so vergeudet.

„Es ist ein Schläferschiff! Sie wissen schon, die Schiffe, die man damals verwendete, bevor man den Überlichtantrieb entdeckt hatte! Es ist das verschollene Schiff, die ‚Dornröschen’! Sie kennen doch die Geschichten!“ sprudelte Rem heraus.

Die Sekretärin machte auf einmal ein Gesicht, als ob Rem gerade eben ihre Mutter eine weganische Stinkfliege genannt hatte. Minnie hatte das alles mit angehört und -gesehen. Sie glaubt uns nicht, fuhr es ihr durch den Sinn. Sie glaubt uns ebenso wenig wie dieser Kerl in der Bar. Plötzlich fühlte sie sich tatsächlich tausend Jahre alt.

„Es tut mir außerordentlich leid, aber glauben sie das eigentlich alles selbst? Wenn ja, dann hinterlasse ich ihnen gerne die Adresse eines Psychiaters. Ansonsten rate ich ihnen dringend ihre geschmacklosen Scherze in Zukunft zu unterlassen!“ Und damit wurde die Verbindung jäh getrennt. Das Hologramm verschwand vor Minnies Augen als hätte es niemals existiert.

„Und was nun?“ wollte sie niedergeschlagen wissen. „Sogar diese tolle Raumfahrtbehörde wollte uns nicht glauben!“

„Ach, Sekretärinnen! Die war doch total unfähig! Wenn sie mich mit ihrem Boss verbunden hätte, anstatt so rumzudrucksen, sähe die Sache jetzt anders aus!“ Rem war ebenfalls frustriert. So hatte er sich das nicht vorgestellt.

Er rief noch bei einer Unmenge anderer Behörden und Institutionen an, aber jedesmal war es das gleiche, nur mit dem Unterschied, daß manche Leute noch viel unfreundlicher reagierten als die Sekretärin der Raumfahrtbehörde. Rem wurde elfmal als Spinner bezeichnet, fünfmal als komplett neben der Spur, sechsmal als Psychopath, zweimal als Clown und einmal als weganische Stinkfliege, was ihn besonders ärgerte.

„Tut mir leid, aber ich brauch jetzt erst mal einen ordentlichen Schluck.“ meinte Rem und erhob sich. Die beiden trotteten aus der Kommunikations-Abteilung der Raumstation und Rem steuerte wieder auf die Bar zu. Minnie war dieser Ort jedoch ein wenig unangenehm geworden.

„Falls sie was von mir wollen, ich bin auf meinem Schiff. Ich glaube, ich brauch jetzt irgendwas, was mir vertraut ist!“

„Na schön. Ich komme nach, wenn’s ihnen recht ist!“ Minnie nickte nur müde und machte sich auf den Weg.

Auf der Brücke angekommen lies sie sich abgeschlagen in einen Sessel fallen. Wir wußten alle, wie gefährlich eine Reise durch den Raum im Tiefschlaf sein kann, dachte Minnie, was alles passiert, die Computerfehler, die Ausfälle der Schlafkammern, die Alpträume, die Gefahr den Verstand zu verlieren, wenn man wieder aufwacht. Und noch einiges mehr. Aber hätte ich das gewußt ... nein, wer hätte so was ahnen können. tausend Jahre lang im Tiefschlaf zu überleben, das hätte keiner auch nur so als schlechten Scherz gedacht. Hört sich eigentlich wirklich wie ein Märchen an. Vielleicht ist das alles hier ja doch nur ein Alptraum, und ich schlafe noch friedlich in meinem Tank. Nein, ein Traum kann das nicht sein ... ich wünschte, es wäre einer!

Auf einem der Bildschirme sah sie, wie jemand in das Innere des Schiffes zu gelangen versuchte. Es war Rem, sie lies ihn herein. Kurz darauf war er auf der Brücke, zwei Flaschen mit einer Flüssigkeit, die sie schon gesehen und gerochen hatte, aber eigentlich eine zweite Begegnung damit vermeiden wollte.

„Und, haben sie inzwischen eine neue Idee?“ wollte sie wissen.

„Nur, daß ich mir einen gewaltigen ansaufen will. Und sie sehen aus, als könnten sie auch ’nen Schluck vertragen!“ Rem stellte eine der Flaschen auf der Konsole vor Minnie ab und öffnete die zweite.

„Dafür habe ausnahmsweise ich mal eine Idee!“

„Tatsächlich! Und?“ wollte Rem wissen und nahm einen großen Schluck.

„Wissen sie, hier gefällt es mir nicht. Ich kann mich mit allem hier nicht so ganz anfreunden. Niemand würde mir abnehmen, daß ich ein normaler Mensch aus dieser Zeit wäre. Naja, keiner würde auf die Idee kommen, daß ich über tausend Jahre alt bin, das ist klar, aber trotzdem. Hier ist alles so anders.“

„Und was wollen sie dagegen unternehmen? Zeitmaschinen haben auch wir noch nicht. Was also wollen sie tun?“

„Ganz einfach. Ich steige wieder in meinen Schlaftank!“

„Und sie meinen, das bringt sie zurück? Oder hilft ihnen sonst irgendwie?“

„Nein, das nicht. Aber hier kann ich auch nicht bleiben. Ich steuere mein Schiff irgendwo hin und lege mich schlafen. Und dann überlasse ich es einfach dem Zufall, ob ich von einem schwarzen Loch verschluckt werde oder meine Kammer einfach kaputt geht. Es ist mir gleich!“

Rem blickte einen Augenblick entsetzt und verständnislos drein. Dann sah er Captain Rose wieder an.

„Das meinen sie Ernst, oder?“

„Ja. Todernst!“

Mehrere Augenblicke sagte niemand etwas. Dann räusperte sich Rem nervös.

„Gut. Ich komme mit ihnen.“

„Unmöglich! Wissen sie, was sie erwartet!“

„Nein. Sie etwa? Ihnen war es gleich, und mir ist es auch. Wissen sie, mein ganzes Leben lang wollte ich irgend etwas Überragendes tun, ein besonderes Abenteuer erleben. Etwas bei dem ich mir nicht wie ein Vollidiot vorkomme, mal abgesehen davon habe ich nichts wirklich tolles fertiggebracht, und jünger werde ich mit der Zeit eben auch nicht. Wenn ich bei der ganzen Aktion draufgehe, weint mir keiner eine Träne nach, aber ich habe wenigstens erlebt, wie vor tausend Jahren Raumfahrer gereist sind. Und wenn ich’s überlebe, Dann habe ich die Chance, die Zukunft kennen zu lernen. Hier hält mich nichts! Also, ich komme mit!“ Ich wußte es, dachte Rem, ich wußte, daß sogar ich, der geborene Verlierer, noch mal mein ganz großes Abenteuer bekomme. Das ist es, genau das!

„Wissen sie eigentlich, was sie sich da wünschen? Die Zukunft kennen zu lernen? Glauben sie, mir hat das Spaß gemacht?“

„Sehen sie doch, sie haben so viele Menschen verloren. Ich habe niemanden, den ich verlieren kann. Da ist niemand! Also, ich komme mit ihnen!“ Minnie sah den zu klein geratenen Raumfahrer eine ganze Zeitlang an. Armer Irrer .... Für besonders klug hielt sie seinen Wunsch jedenfalls nicht. Trotzdem wollte er es, er wollte es wirklich, nicht nur weil er sich angesichts einer schlechte Phase gerade so spontan dazu entschieden hat Na schön, das ist seine Angelegenheit.

„Und das meinen jetzt sie Ernst, oder?“

„Todernst!“

 

Niemand auf Kappa 73 nahm Notiz davon, daß das große, eigenartige Raumschiff ablegte und auf den offenen Raum zusteuerte, träge und gemächlich. Von der Station nahmen ein paar Raumfahrer die Geschichte mit nach Hause, daß ein Mann mit einem Tausend Jahre alten Schiff angekommen sei, einer der legendären Schläfer, möglicherweise. Vielleicht war er ein Geist gewesen, denn er war so unvermittelt verschwunden wie er auf der Station aufgetaucht war. Niemand hatte gesehen wie sein Schiff andockte, und auch nicht, wie es wieder ablegte. Und dann die Frau in der seltsamen Kleidung die nie ein Wort gesprochen hatte. Keiner hatte die beiden jemals wieder gesehen. Vielleicht, so erzählte man, fliegen sie noch immer da draußen im weiten Weltraum während sie schlafen und von alten Zeiten träumen.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so fliegen sie noch heute ...