Schon seit mehreren Augenblicken saß er dort hinten am Zaun und starrte angestrengt auf die andere Seite. Argwöhnisch beobachtete er das Maisfeld dort, wo er glaubte soeben eine Bewegung gesehen zu haben. Er war so aufgeregt, daß er mit seinem Schwanz nervös hin- und herschlug und dabei kleine Staubwolken von der ausgetrockneten Gartenerde des Beetes, in dem er saß aufwirbelte. Einen Gedanken lang fuhr ihm dabei durch den Kopf, daß er sich so wohl sicherlich das Fell schmutzig machen würde, beschloß aber, das ausnahmsweise mal zu ignorieren. Schließlich konnte er unmöglich zulassen, daß ein Fremder sein Revier betrat, den kleinen Garten der zu dem Haus gehörte in welchem er mit ein paar Menschen wohnte.

Je länger er durch die dicken, grünen Stengel der Maispflanzen starrte, umso unruhiger wurde er. Da war etwas! Gerade schon wieder! Eine Bewegung mitten in dem undurchdringlichen Dickicht auf der anderen Seite des Gartenzaunes. Er stellte die Ohren spitz auf und lauschte nach einem Geräusch, das nicht vom Wind verursacht wurde, der träge durch die Blätter strich. Der schwarze Schemen den er eben noch zwischen zwei besonders dicht stehenden Pflanzen zu sehen glaubte, bewegte sich tatsächlich - und kam auf ihn zu!

Gespannt rutschte er zwei Schritte zurück, duckte sich und legte die Ohren an, zu allem bereit, als eine zerzaust aussehende Gestalt aus dem Feld hervorkroch und Anstalten machte über den Zaun zu springen.

"Verschwinde aus meinem Revier!" fauchte er den Eindringling an, das Fell an Rücken und Schwanz steil aufgerichtet.

"Ich warne dich! Wag es ja nicht auch nur noch einen Schritt näher zu kommen!"

Der ungebetene Besucher hielt kurz inne und starrte ihn ungläubig an. Dann lief er noch ein - zwei Schritte auf den Zaun zu und setzte sich dort, nur einen Tatzenhieb davon entfernt in den Staub.

"Na so was! Kumpel, seit wann is'n das hier dein Revier!" gab der struppige schwarze Kater zurück.

"Schon immer!" knurrte sein Gegenüber. Drohend fuhr er die Krallen aus und bohrte sie in die Erde unter seinen Pfoten.

"Ey, Alter! Das is' mir aber neu! Ich bin hier drübergelatscht, wann's mir gepaßt hat!"

"Dann wirst du ab sofort eben einen großen Bogen um dieses Gebiet machen. Das ist mein Land!" ,rief der gepflegt aussehende Kater durch den Zaun.

"Dein Land? Quatsch nich' so kariert! Der Boss hier bin ich!" meinte der Schwarze, fast schon ein wenig belustigt über die Vorstellung. "Du, der Boss? Schau dich doch mal an! Wann hast du dich eigentlich das letzte Mal geputzt? Ja igitt! Das ist ja widerlich!" zischte die große Katzengestalt.

"Geputzt? Ich glaub mein Hörrohr wackelt! Ich hab nich' so viel Zeit wie'n geleckter feiner Pinkel der den halben Tag mit Körperpflege totschlagen muß. Hier draußen gibt's wichtige Geschäfte zu erledigen, aber davon hast du abgelutschtes Hauskätzchen ja eh keinen Plan! Was weißt du schon, wie's hier draußen zugeht!" gab der andere Kater heiser zurück und blinzelte ihn herablassend aus tränenden Augen an.

"Blas dich nicht so auf, du Streuner! Geschäfte! Das ich nicht lache! Wie du rumläufst schaut dich ja noch nicht einmal die verlausteste Frau an!"

"Na sowas! Da haben wir's wohl mit einem ganz besonders sensiblem Exemplar hochwohlgeborener Edelkatze zu tun! Was kratzt mich's was'n Weib von meinem Fell hält. Wenn ich Bock hab, na dann schnapp ich mir einfach eine. Fragen werden später gestellt - wenn überhaupt. So läuft's hier!"

"Du widerst mich an! Richtig ekelhaft!" kreischte der Kater von seiner Seite des Zaunes und sträubte abermals entsetzt die Nackenhaare. "Du bist abstoßend! Eine Schande für alle Katzen auf dieser Welt! Wie kannst du nur ... !"

"Na ganz einfach, mein Herr Kater: ein Biß in's Genick genügt, und das Fräulein hält schön brav still. He! Sieh dir doch bloß mal die Kleine da drüben mit den roten Flecken an!" meinte der Kater mit dem verfilzten Fell spöttisch.

"Wag es! Die Arme könnte ja deine Tochter sein!"

Der Straßenkater brach jäh in heiseres Gelächter aus und schüttelte sich, so das sich eine Staubwolke aus seinem struppigen Fell erhob.

"Was denn, du willst mir drohen? Da krieg ich aber echt höllisch Schiß! Ach übrigens, die Kleine IST meine Tochter! Was soll's, wenn einem halt juckt, Kumpel!"

"Du bist ein Monster!"

"Na das sagt der richtige! Mein Bester, du bist zu lange mit diesen Menschen beisammen. Kein Wunder, könntest ja noch nicht mal mehr 'ne Maus ohne fremde Hilfe fangen! Dosenöffner, pah!"

"Das lasse ich mir nicht bieten! Währen wir nicht von einem Zaun getrennt, ich würde dich windelweich prügeln, du Flohkolonie auf vier Pfoten!"

"Na hoppla! Wir können ja richtig ausfallend werden! Kannst ja rüberkommen, falls du deinen fettgefressenen Wanst überhaupt über den Zaun kriegst!" keifte der schmutzige Kater, inzwischen war er selbst ziemlich wütend und hatte die Ohren flach an den Kopf gelegt.

"Fällt mir nicht im Traum ein, du Landstreicher!" gab der Hauskater zurück.

"Feige also auch noch! Hätte mich auch schwer gewundert! Warte nur, du bekommst schon noch deine Tracht Prügel! Warte nur und laß dir die Leviten lesen! Solch edle Herren hab ich aufgeschrieben!" zischte er stinksauer und machte Anstalten über den Zaun zu springen. Die zerzauste Gestalt duckte sich und landete nach dem Absprung direkt auf dem Eckpfosten, der das Maschendrahtgeflecht hielt.

Auf einmal flog ein Gegenstand quer durch den Garten und traf den Pfosten wenige Zentimeter unterhalb der struppigen Katze, was ihn so sehr erschreckte, daß er auf der Stelle Kehrtwendung machte und sich zurück in das Maisfeld flüchtete von wo er gekommen war. Wenige Augenblicke später war von dem Straßenkater nichts mehr zu sehen. "Hau bloß ab, du Mistvieh!" schrie der heraneilende Mensch ihm hinterher und holte seinen Hausschuh aus dem Blumenbeet.

"Ganz genau! Leg dich nicht noch einmal mit mir an!" setzte der Hauskater noch dazu, stolzierte dann aus dem staubigen Beet und strich seinem menschlichen Mitbewohner mit hocherhobenem Schwanz um die Beine.

"Die häßliche Katze ist ja schon weg. Schon gut!" meinte der riesige Mensch beschwichtigend und streichelte dem Kater das glänzende Fell.

Ich weiß!', dachte der sich. Aber jetzt hab ich Hunger! Revierverteidigung ist echt anstrengend!'

Und damit trottete er in Richtung Tür und verschwand im Haus.