Wieder einmal zeigte die Uhr nach Mitternacht.
Weit nach Mitternacht, um etwas genauer zu sein, und wie sonst auch zu dieser Stunde stand ich am Küchenfenster und starrte in die Nacht hinaus die stellenweise vom warmen aber künstlichen Licht der Strassenlaternen erhellt wurde.
Ich lauschte - das monotone Prasseln des Regens war in den letzten zehn Minuten schon beinahe verstummt. Und genau darauf hatte ich gewartet.
Also kehrte ich dem Fenster den Rücken zu, tastete halb in unsortierten Gedanken versunken nach meinem Mantel und zog wenige Augenblicke nachher die Tür hinter mir zu.

Die Nachtluft war kühl, aber nicht kalt und hatte diesen speziellen Geruch der ankündigte daß der Herbst nicht mehr weit war. Der Himmel über mir war anthrazithfarben von den tiefhängenden Regenwolken die schon den ganzen Tag in trübes grau getaucht hatten, doch jetzt riß die Wolkendecke in der abgekühlten Nachtluft auf und gab an einigen Stellen die Sicht auf unruhig funkelnde Sterne frei. Einzig der Mond zog es vor von den Blicken schlafloser Menschen wie mir versteckt hinter dem Wolkenschleier zu bleiben.

Wieder einmal hatte ich mich für Stunden in meinem Bett gewälzt, so unendlich müde als könnte ich den Rest meines noch verbleibenden Lebens verschlafen, doch ich blieb wach. Glaubt mir, ich habe schon so vieles versucht um zumindest eine Nacht ganz normal abends zu Bett zu gehen, friedlich einzuschlafen und am nächsten Morgen wenn der Tag anbricht ausgeruht und glücklich aufzuwachen, so wie es sein sollte, doch nichts hat genützt.
Ich fühlte mich leer, kraftlos und hatte nicht einmal wirklich richtig Lust auf einen Nachtspaziergang, aber in meiner Wohnung schien es mir mal wieder als würden die Wände immer näher aufeinander zurücken.

Ich lief eine zeitlang ziellos umher, so spät war niemand mehr unterwegs, und meine Schritte hallten laut, fast schon schmerzhaft in den engen Gassen dieser alten Stadt wider. Wie lange ich inzwischen schon unterwegs war konnte ich nicht sagen, mein Zeitgefühl schien vom Regen weggewaschen worden zu sein und in meinem Kopf tanzten und kreisten die Gedanken wild umher. Hätte ich einen fassen wollen, er wäre davongeschwebt wie eine Feder im Wind.

Irgendwann bemerkte ich daß ich schon über den Rand der Stadt hinaus war. Vor mir lag der kleine See auf dem man im Sommer mit Ruderbooten fahren konnte, doch diese lagen nun still am Steg und nicht mal ein Lüftlein regte sich.
Müde und ausgelaugt lies ich mich auf eine Parkbank fallen dessen dunkelbraune Lackierung schon tiefe Risse hatte und an mehreren Stellen bereits abblätterte. Der nahende Herbst bedeckte den See mit einer trübe leuchtenden Decke aus Nebel, der träge über das Ufer floß und von da in das angrenzende Wäldchen kroch.
Auf einmal fühlte ich mich so unglaublich müde daß ich dachte, ich könne die Augen keine weitere Sekunde mehr offen halten, also schloß ich sie für eine Weile und atmete die kühle Nachtluft ein während ich abwartete daß das leichte Brennen aufhörte das von der Übermüdung stammte. Noch zwei- drei tiefe Züge - ich sammelte alle mir noch verbleibende Kraft um die Augen wieder zu öffnen, was wirklich nicht sehr leicht fiel.
Mein erster Blick fiel ans Ufer das sich nicht weit von meinem Rastplatz befand. Auch hier kroch der Nebel inzwischen aufs Land und tastete sich vorsichtig vorwärts, streckte einen Arm nach dem Gras aus das unter meiner Parkbank hervorwucherte.
Am liebsten hätte ich meine Augen abermals geschloßen, diesmal nicht weil meine Lider so schwer waren, sondern weil ich im Nebel tatsächlich einen Arm zu sehen glaubte ... nein, nicht im Nebel ... vielmehr aus Nebel ... so verrückt es auch klingen mag. Möglicherweise sind es die vielen Nächte ohne richtigen Schlaf die meinen Augen einen Streich spielten, aber der Arm - er hatte inzwischen eine deutlich erkennbare Hand - schwebte einige Augenblicke wartend über dem Boden, dann bildeten sich ganz klar fünf Finger aus die zögernd über das Gras strichen, bei einem Gänseblümchen Halt machten - und es pflückten.
Ich weiß nicht mehr ob ich schreiend davonlaufen wollte, womöglich war ich vor Schreck einfach so starr daß ich mich beim besten Willen nicht vom Fleck bewegen konnte als mein Blick den Arm entlang glitt bis er auf eine milchig trübe Schulter traf, weiter zu einem Hals und schließlich auf ein verschwommenes Gesicht.
Die Gestalt aus Nebel richtetet sich auf zwei erstaunlich menschlich wirkende Beine auf und vom Kopf wallten lange Strähnen aus immer durchscheinender werdenden Nebelschwaden die alsbald den Boden berührten und träge vor sich hin treibend in der Nebeldecke verschwanden die weiterhin den See bedeckte.
Wahrscheinlich war ich einfach schon zu kraftlos um vor Schreck aufzuspringen und und weg vom See zurück in die erleuchtete Stadt zu laufen. Und so blieb ich sitzen, erstarrt, und blickte mit weit aufgerissenen Augen die Nebelgestalt an.
In meinem Kopf lachte etwas, hell wie Glockenklang.
Denken konnte ich schon nicht mehr. Mir entfuhr ganz unwillkürlich ein: "Wer bist du?", obgleich ich lieber gefragt hätte was die Gestalt war. Nein, eigentlich hätte für jeden normalen, bodenständigen Menschen eine solche Frage überflüßig sein müssen. Jeder Mensch der halbwegs geistig gesund wäre, hätte wenn überhaupt nur kurz geblinzelt, wäre zu dem Entschluß gekommen daß seine Augen ihn wohl getäuscht haben müssen, wäre dann vielleicht achselzuckend aufgestanden und hätte dem See und dem Nebel den Rücken zugekehrt. Auch nicht ganz richtig ... ein normaler Mensch wäre um diese eigentlich unmögliche Uhrzeit erst garnicht hier draußen am See.
Aber ich war da.
Wieder erklang dieses glockenhelle Lachen. "Erkennst du mich nicht?"
Die Nebelgestalt legte den Kopf schief worauf ihr Haar - falls man das überhaupt so bezeichnen konnte - an den Seiten für einige Augenblicke spiralförmige Verwirbelungen bildete.
"Nein, du erkennst mich nicht. Wie auch." Die Stimme schien nun etwas traurig zu klingen. Und ich starrte weiterhin sprachlos in den Nebel.
"So lange ist es her da du mich verloren hast. Viele Jahre, wenn man in deinen Maßstäben denkt wo alles exakt bemessen und gezählt ist." Ich war gerademal imstande den Mund zu öffnen, schloß ihn aber gleich wieder wie ein Fisch auf dem Trockenen, da ich zwar etwas hätte sagen wollen, doch fehlten mir die Worte. Ich war mehr als verwirrt und konnte beim besten Willen nicht verstehen was mir die Gestalt sagen wollte und was bitte ich verloren haben sollte.
Lachen.
"Du bedauernswerter Mensch. Denkst natürlich du hättest etwas so belangloses verloren daß du es tasten und greifen könntest, und dann wäre es einfach wieder da."
Ich brauchte eine ganze Weile um meine wild durcheinander schreienden Gedanken soweit zu sortieren, daß ich mich zumindest ansatzweise aus meiner Starre lösen konnte.
"Ich verstehe .. du willst also auf nichts Materielles hinaus, wie meinen Haustürschlüssel, oder ... sagen wir ein Buch!", hörte ich mich sagen.
Die Nebelgestalt verlagerte nun erwartungsvoll ihr Gewicht (auch wen sie davon nicht viel haben konnte) und abermals kräuselten sich die trüben Schwaden die so sehr nach Haar ausahen in spiralförmigen Turbulenzen.
"Seit Jahren hab ich doch diese Schlafprobleme, genau! Das ist es! Ich habe meinen Schlaf verloren!" Ich nickte triumphierend, doch das Wesen (falls es eines war) lies betrübt den Kopf sinken und schüttelte ihn. Nebel wogte in die Nacht hinaus als sei jemand in wilder Flucht hindurchgerannt, um danach wieder gemächlich zusammenzukriechen.
"Mir scheint, du verstehst doch nicht." Der traurige Tonfall war nun viel deutlicher.
"Deinene Schlaf nimmst du dir schon selbst. Es scheint als suchtest du jeden Nacht nach dem was du verloren hast, auch wenn du es nicht einmal weißt. Doch du suchst am falschen Ort."
Wieder suchte ich nach Worten, doch ich fand keine passenden.
"Euch Menschen, die ihr nach euren eigenen Vorstellungen fest mit beiden Beinen am Boden steht, im Hier und Jetzt und in der Realität - zumindest denkt ihr das - kommt es allzusehr nur auf Zahlen, Fakten und alles was greifbar ist an. Ihr füllt tausende Formulare aus um einen Beweis dafür zu haben was und wer ihr seid, was euch gehört, was ihr könnt und tut. Mit Scheuklappen geht ihr stets nach vorne, marschiert stramm und mit festem Willen - so glaubt ihr zumindest - geradeaus ohne zu sehen was am Wegesrand liegt. Ihr hängt euch Schilder um den Hals und tut alles daran einheitlich auszusehen, und ihr nennt das stolz "Normalität" , doch ihr wisst nicht einmal daß ihr schwächer werdet und allmählich verblasst - in der Menge fällt das ja nicht auf. Viele sind schon so weit daß sie keine Kontraste mehr sehen und ganz vergessen haben daß es noch einen Wegesrand gibt, und daneben weite Wiesen und Felder die viel größer sind als der schmale Weg geradeaus. "
Ich musste mir ernsthaft eingestehen daß ich kein Wort verstand. Dennoch hatte ich nicht daß Gefühl daß die Nebelgestalt unsinniges Gewäsch von sich gab, nein, ich fühlte mich auf einmal unbedeutend, grau und ohne Sinn, unbeachtet und klein. Aber ich verstand einfach nicht, warum.
"Mein Freund, als Kind kanntest du mich noch, aber nun bist du selbst so weit entfernt daß du mein Gesicht nicht mehr erkennen kannst. Der Nebel ist alles was mir bleibt. Und dennoch, während andere bereits um so vieles weiter weg sind daß sie schon ihren Blick und sogar ihren Namen verloren haben, kann ich wenigstens noch zu dir sprechen. Aber auch wenn du meine Worte verstehen kannst - oberflächlich gesehen - spreche ich deine Sprache nicht und möchte sie auch nicht lernen. Sie würde mir alles nehmen was mir wichtig ist, die Wiesen und Wälder abseits der Wege und die Schönheit der Welt. Lieber gäbe ich mein unsterbliches Leben auf als das. Denk nicht so viel in menschlichen Maßstäben, allein was du im Herzen trägst sagt dir wer du bist, aber nicht all die Dinge um dich herum die du anfassen kannst. Die Realität der Menschen ist kalt und grau, vielleicht solltest du wieder lernen zu träumen."
Noch immer war ich nicht imstande auch nur einen Ton herauszubekommen. Ich sah also stumm mit an wie die Konturen des Nebelwesens sich allmählich aufzulösen begannen. Immer unschärfer wurde sie als sie sich noch einmal zu mir vornüber beugte und mit einem feucht-klammen Luftzug meine Hand berührte.
"Ich verlasse dich nun, aber nur in dieser Welt." flüsterte sie, so nach an meinem Ohr daß ich fühlen konnte wie Feuchtigkeit auf meiner Wange kondensierte.
Und dann war sie weg.

Leises Vogelzwitschern drang in meine Ohren.
Es schien als seien mir die Lider dann doch ein weiteres mal zugefallen. Ich fühlte wie feuchte Kälte in meinen Mantel gekrochen war und als ich endlich imstande war meine Augen zu öffnen bemerkte ich zu meinem Erstaunen wie der Himmel am Horizont strahlend rot war und wie gegenüber davon die letzten Sterne zögernd verblassten. Allmählich wurde das warme rot am Horizont zu einem leuchtenden orange und schließlich zu hellem gelb als ein neuer Tag anbrach.
Ich musste wohl nahezu die ganze Nacht hier am See verbracht haben, trotzdem fühlte ich mich erstaunlich wach und ausgeruht. Schwach erinnerte ich mich an etwas ... doch ich konnte es nicht wirklich festhalten und klammerte mich an Erinnerungsfetzen, doch auch diese lösten sich allzu schnell auf , wie die wenigen Wolken in der klaren Morgenluft.
Gerade wollte ich aufstehen und mich auf den Weg nach Hause machen, da bemerkte ich erst daß ich etwas in den Händen hielt. Ich sah nach unten - es war ein winziges, schneeweißes Gänseblümchen.