Wie lange ich schon ein Kind der Nacht bin weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr so genau. Nach so langer Zeit verliert man wohl irgendwie den Überblick, aber gewiss ist daß ich schon viele Winternächte erlebt habe, viele Moden kommen und gehen sehen habe und viele Menschen erwachsen werden, altern und schließlich sterben sehen habe.

Was ich bin stört mich eigentlich nicht im geringsten. Obgleich, ich habe schon Geschichten gehört, von meinesgleichen die darunter leiden, was sie sind und was sie deswegen tun müssen, jede einzelne Nacht wieder. Vielleicht kann ich mich gerade aus dem Grund nicht genau an alle Jahre erinnern, weil es mir nichts ausmacht im Gegensatz zu denen die die Nächte zählen, und die Jahre zählen und immer daran denken daß noch weitere Nächte und weitere Jahre folgen werden. Und nirgends ein Ende in Sicht.

Nun, wer jetzt noch immer nicht weiß, welches mein Geheimnis ist, dem will ich es bereitwillig preisgeben: ich bin ein Vampir.

Eines späten Abends saß ich mit Claude, einem Freund den ich kannte seit die Menschen das Auto erfunden hatten in einer Bar in welcher wir uns gewöhnlich trafen bevor wir die Nacht lang durch die Clubs und Discos der Stadt zogen. Natürlich um nach Beute Ausschau zu halten, aber eigentlich auch um zu feiern. Warum auch nicht? Wenn die Musik gerade gut war und die Stimmung auch sollte man - Vampir hin oder her - das Geschäft mal Geschäft sein lassen und sich amüsieren. Wir sind zwar nicht mehr unbedingt lebendig, aber tot nun auch wieder nicht!

" Du siehst heute Nacht irgendwie gar nicht gut aus!" meinte mein Freund und zog besorgt die Mallorca-braun geschminkte Stirn in Falten.
" Ist irgend was mit dir?"
" Ach, nichts weiter. Hab schlecht geschlafen letzten Tag, deswegen bin ich heut' wohl nicht ganz so gut drauf." gab ich zur Antwort und erinnerte mich mit etwas Unbehagen an den letzten Tag an dem ich mich in meinem Sarg von der einen Seite auf die andere gewälzt hatte.

" Gleich wird's dir besser gehen, vertrau mir! Drüben im Night Star sind bestimmt schon die zwei Schnecken die ich gestern angebaggert hab!" sagte Claude und grinste verhalten, damit niemand seine Eckzähne sehen konnte, der es nicht sollte.

" Na denn ... worauf warten wir noch!" meinte ich und fühlte daß mir schon der Magen in den Kniekehlen hing.

 

Als ich wieder zu Hause ankam war es schon relativ spät geworden. Ich bewohnte eines dieser chicen, neumodischen Apartements mitten in der Stadt. Leisten konnte ich es mir schließlich, und da die meisten anderen Bewohner eher dem Typus neureich und exzentrisch entsprachen, fiel ich hier nicht weiter auf. Und wenn dann nur als extremer Partymensch, höchstwahrscheinlich auf irgendeiner Droge, bei der Gesichtsfarbe.

Die Nacht wurde tatsächlich noch richtig unterhaltsam, heutzutage ist es für unsereiner sowieso viel einfacher. Clubs und Bars die bis zum Morgengrauen geöffnet habe und das ganze andere reichhaltige Nachtleben. Da kann man das Vampir-sein richtig genießen, nicht so wie früher ... Und wie viele menschliche Nachtschwärmer im Partyrausch würden wohl nicht auch nur in Entferntesten auf den Gedanken kommen daß so mancher Besitzer derartiger Lokalitäten ein Vampir sein könnte

Ich jedenfalls hatte mittlerweile die nötige Bettschwere - Verzeihung, Sargschwere natürlich ! - erreicht und lies mich glücklich und sattgetrunken in den meinen fallen.

 

Irgendwann wachte ich auf. Ich fühlte mich müde und erschlagen, aber liegenbleiben und weiterdösen konnte ich trotzdem nicht mehr. Ich stieß den Sargdeckel auf - die letzten Lichtstrahlen des Tages durchfluteten noch mein Apartment.

"Verflucht nochmal!" schimpfte ich, angelte mir hastig meine Sonnenbrille vom Tisch und sah dann zu daß ich die Jalousien herunter bekam. Eigentlich zog ich sie nie zum nicht unnötig Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.

"Na großartig! Und dabei bist du noch nie ein Frühaufsteher gewesen, weder in diesem Leben, noch in dem davor." brammelte ich schlaftrunken zu mir selbst. Doch wieder hinlegen? Unmöglich! Ich hätte zwar auf der Stelle umkippen und einschlafen können, zumindest war ich müde genug. Aber wieder in den Sarg zurückkriechen und sich nochmal bis zu einer vampirwürdigen Zeit hinlegen ... ich würde wahrscheinlich sowieso nicht mehr einschlafen können.

 

Etliche Tage und ein paar Stunden später saß ich wieder mit Claude in unserer Stammkneipe. Der Wirt war einer von uns, und so war dies hier der perfekte Treffpunkt. "Du siehst echt beschissen aus!" sagte Claude und zog seine Lederjacke zurecht.

"Wie lange geht das denn schon. Wochen? Du, ich kann das nicht mit ansehen. Außerdem hast du seit zwei Nächten nichts getrunken. Du siehst echt zum Kotzen aus!"

"Danke, weiß ich selber." meinte ich und bemerkte leicht entsetzt wie bleich die Haut meiner Hand war die auf dem Tisch lag. Gut, Vampire haben ja nun nicht gerade das was man eine umwerfende Urlaubsbräune nennt. Trotzdem, es gab eben verschiedene Nuancen von bleich. Und auch als Vampir konnte man unter Umständen ganz schön beschissen aussehen.
Claude gab für gewöhnlich Unsummen für Make-Up aus, die einzige Möglichkeit nach menschlichen Idealbildern umwerfend auszusehen. Ich jedoch hielt davon nichts. Genauso wenig wie von Menschen die sich absichtlich weiß wie Schnee anmalten. Man ist nun mal so wie man ist.

"Soll ich wohl 'ne Schlaftablette nehmen, wie'n Mensch!" setzte ich nach und ertappte mich das erste Mal in meinem Vampirleben dabei, meiner menschlichen Natur nachzutrauern. Dann hätte eine Schlaftablette wenigstens geholfen.

"Jetzt sei doch nicht gleich so gereizt!" fuhr mein Freund zurück. " Ich wünschte, ich könnte dir helfen, ehrlich. Aber ich weiß nicht wie!" sagte er, und sein Gesichtsausdruck verriet mir wie besorgt er wirklich war.

"Tut mir leid. Aber diese Schlafstörungen machen mich noch ganz irre! Ich meine, wenn man ein Mensch wäre wär's kein Problem aufzustehen, den Fernseher anzuschalten und sich so die Zeit ein wenig zu vertreiben ... aber als Vampir ... !" meinte ich und schob mir nervös eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht.

"Jetzt fang bitte nicht auch schon so an!" fuhr Claude mich an und drehte genervt den Kopf weg sodaß er zur Bar hinüber sah.

" Tu ich ja gar nicht!" warf ich beleidigt zurück und fing ebenfalls an die Bar anzustarren.

Wir blieben eine ganze Weile so dort sitzen, wortlos. Ich lies den Blick zu den Menschen schweifen die da am Tresen saßen, sich unterhielten, ihre Drinks festhielten oder einfach nur auf ihren hohen Hockern saßen und selbst Löcher in die Luft starrten. Langsam wurde ich hungrig, schließlich hatte ich wirklich schon lange nichts mehr getrunken und war deswegen schon ein wenig zittrig in den Knien.

Noch immer saßen mein langjähriger Freund und ich da und schwiegen uns an. Und dann, plötzlich, ein dumpfer Schlag von irgendwo am Bartresen. Ich sah mich verwirrt um und entdeckte schließlich einen kleinen, untersetzten Menschen in einem knittrigen Anzug, der am Boden lag und nur noch imstande war entrüstet zu grunzen. Sonst rührte er sich nicht weiter nennenswert.

"Igitt, ein sturzbesoffener Mensch! Wie widerlich!" entfuhr es mir, und lies erschöpft meinen Kopf auf die am Tisch verschränkten Arme fallen.

"Aber natürlich!" sprudelte Claude auf einmal hervor. "Das isses!"

" Das ist was?" hakte ich verständnislos nach ohne den Kopf zu heben.

" Na ganz einfach! Alkohol! Das Zeug macht müde!"

" Claude, ich bin'n Vampir. Ich kann mich nicht einfach so besaufen." meinte ich und spürte wie mir allmählich endgültig die Nerven durchgingen.

" Doch, kannst du" In gewisser Weise schon! Such dir einfach 'nen Besoffenen, beiß ihn und die Sache funktioniert! Du wirst schlafen wie eine Kanalratte, glaub mir!" triumphierte Claude.

Ich wagte noch einen Blick auf die Schapsleiche dort am Boden die inzwischen aufgegeben hatte sich mit Grunzlauten über ihren derzeitigen Zustand zu beschweren und stattdessen wie zur Demonstration lauthals zu schnarchen begonnen hatte.

"Bääh, so wie der riecht ... nö, den beiß ich nicht! Lieber will ich mich den Rest meines Lebens von Ratten und Mäusen ernähren bevor ich den da anlang' !" meinte ich und rümpfte angewidert die Nase. Eine vorbeilaufende Frau erschrak kurz aber heftig. Nehme an daß sie meine Eckzähne bemerkt hatte, aber da konnte ich ihr gerade auch nicht helfen. Mir war gerade der Appetit vergangen.

"Ich sag ja auch nicht daß du den da nehmen sollst. Such dir einen der Bier getankt hat. Ist echt ein geniales Schlafmittel, das Zeug. Vertrau mir!" warf Claude aufmunternd ein und zerrte mich aus meiner Häufchen-Elend Haltung hoch. " Wir gehen - na komm schon!"

Ich lies mich von Claude auf die Straße hinaus schleppen und sah mich lustlos um. " Und nun?"

"Stell dich nicht so an. Hier gibt's genügend Betrunkene. Und Bier riecht man meilenweit, sogar ein Mensch würde das hinkriegen. Na komm schon, du kannst doch nicht so weitermachen!"

Na schön. Wenn ich daran dachte noch ein paar Tage so wach zu liegen, gefangen in einem engen Sarg, für Stunden. Und draußen, der strahlend helle, absolut tödliche Sonnenschein ... es machte mich fertig, ganz langsam aber sicher. Da konnte man das doch wirklich mal versuchen ...

Ich begann langsam die Straße hinab zu laufen, inhalierte die Gerüche der Menschen die meinen Weg kreuzten. Mein Jagdinstinkt kehrte allmählich wieder zurück und schärfte meine Sinne auf ein Maß welches sich kein Mensch auch nur vorstellen konnte. Ich fühlte mich endlich wieder so richtig untot - also verdammt gut, nach Vampirmaßstäben!

Es dauerte nicht lange bis ich den Geruch von Mensch, Schweiß und Bier in Kombination wahrnahm. Der Verursacher war nicht schwer auszumachen, eine etwa mittelalte Gestalt in Jeans und T-Shirt die scheinbar in sich selbst versunken und mit beträchtlicher Schlagseite in meine Richtung torkelte.

Schneller als es sonst ein Mensch hätte wahrnehmen können hatte ich ihn auch schon in eine schlecht beleuchtete Seitengasse geschleppt.

"Scheiße, Mann. Bissuson Schwuler, odawas?" lallte er mich an und sonderte eine bemerkenswerte Geruchswolke von diversen Biersorten dabei ab.

"Nein, ich bin dein Todesengel!" zischte ich ihn an und wollte eigentlich gerade zubeißen.

" Achso, dann binnichja beruhicht ..."

"Tu mir einen Gefallen und halt die Klappe, das hier ist für mich nämlich nicht gerade ein Hochgenuß!" setzte ich noch hinzu, ignorierte seine Fahne und zwang mich meine Zähne tief in seinen Hals zu bohren.

Nach ein paar Minuten kam ich zurück auf die Straße wo Claude sich an einen Gartenzaun angelehnt hatte und auf mich wartete.

"Scheiße, war der blau. Ich bin seit mindestens 200 Jahren nicht mehr besoffen gewesen!" meinte ich. "Das Zeug steigt einem vielleicht in den Kopf!" Ich bemerkte wie sich langsam alles zu drehen begann. Außerdem verursachte der Kerl einen ziemlich üblen Nachgeschmack.

"So, und was war mit der betrunkenen Bedienung vor 23 Jahren?" sagte Claude und grinste breit.

"Wer? Ahso die. Hab ich schon fast vergessen ... !"

Claude war so freundlich mich nach Hause zu begleiten an diesem Morgen, da ich meine Wohnung sicher nicht mehr alleine wiedergefunden hätte. Dann lies ich mich in meinen Sarg gleiten und fiel fast augenblicklich in ein tiefes, schwarzes Loch.

 

Der nächste Abend. Endlich hatte ich durchgeschlafen. Oder zumindest konnte ich mich nicht mehr daran erinnern wachgelegen zu sein, was für mich eigentlich auch schon eine Verbesserung meiner Lage war. Trotzdem fühlte ich mich beschissen - aber eben auf eine andere Art und Weise beschissen. Sollte sich irgend jemand auf dieser großen weiten Welt fragen, ob Vampire auch einen Kater haben können, dem sei versichert: es ist so. Und der hatte es in sich. Ich konnte gar nicht genau sagen was mir denn alles so im Einzelnen weh tat. Auf jeden Fall der Schädel ganz besonders.

Mein Abendessen hielt es auch nicht allzu lange bei mir aus, und so ging ich hungriger denn je mit Claude diese Nacht auf Tour. Nach der Vorspeise hatte ich mir dann im Night Star eine leicht bekleidete und stockbesoffene Partymieze geangelt.

 

Ein paar Woche später. Und ein weiteres Mal saßen Claude und ich in unserer Stammbar an unserem Stammtisch.

" Du siehst zum kotzen aus, ehrlich!" sagte er zu mir.

" Hab ich irgendwann schon mal gehört." gab ich zurück und lies meinen Blick suchend in der Menge der anwesenden Menschen streifen.

" Du übertreibst es allmählich. Das gefällt mir ganz und gar nicht!"

Eine Frau lief an uns vorbei, gar nicht mal so schlecht, die Kleine, aber leider kein bisschen Alkohol im Blut.

" Ich denke nicht daß man sich als Vampir Gedanken über seine Gesundheit machen müsste." Ich suchte weiterhin die Menge ab und wurde dabei immer durstiger.

" Darum geht es nicht. Du hast dich verändert - irgendwie. Laß das bitte sein, ich mach mir ziemliche Sorgen um dich!"

" So, auf einmal. Und wer hat mir denn den Tip gegeben mit den betrunkenen Leuten! Jedenfalls hilft es. Ich kann wieder schlafen! Außerdem, kann man sich denn als Vampir nicht auch mal ändern?"

" Nein, du schläfst eben nicht. Du bist bloß zu blau um zu merken wann du wach bist. Ich seh's dir doch an, jede Nacht wenn du hier reinkommst. Du siehst aus als wärst du aus einem Grab auferstanden, achtest kein bisschen mehr auf dein Äußeres. Sogar die Menschen sehen ja schon daß mit dir was nicht stimmt!"

" Blödsinn! Na schön, ich schlafe nicht mehr so lange wie früher, aber sonst ... was für ein Vampir wäre ich wenn ich mich darum kümmern würde was ein Mensch von mir hält!" ich war einigermaßen aufgebracht, aber dennoch mußte ich zugeben daß ich jede Nacht müde und ausgelaugt aufwachte. Anders als früher, als ich noch keine Schlafstörungen hatte.

Ich mußte hier raus, also stand ich wortlos auf und verließ die Bar.

Die nächtliche Straße war überfüllt von feierwütigen Menschen an diesem Wochenende.

Ich hatte Durst.

 

Wie ich in dieser Nacht in meinen Sarg gekommen war, weiß ich nicht ehrlich gesagt nicht, aber ich fand mich wohlbehalten in ihm, also wozu unnötig Gedanken verschwenden. Ich wachte auf und fühlte mich erstaunlich gut dabei, frisch und ausgeruht. Was hatte der Kerl nochmal getrunken gehabt den ich mir auf der Herrentoilette vorgenommen hatte? Wenn es mir wieder einfiel mußte ich mir das Zeug dringendst merken. Hat zwar wahnsinnig reingeknallt - so gut war ich schon lange nicht mehr beisammen, obgleich ich inzwischen schon so einiges vertragen konnte. Na schön, einen leichten Kater schien ich dann doch zu haben, wie ich feststellen mußte. Aber es hätte mich auch schwer gewundert wenn dem nicht so gewesen wäre - so blau wie ich letzte Nacht war. Seltsamerweise fühlte ich mich dennoch so richtig gut.

In unbändiger Vorfreude auf die heutige Nacht und berstend vor Tatendrang stieß ich den Sargdeckel beiseite ...

Nein, das kann jetzt aber nicht sein ...

Warum ist das so hell da draußen ...

Ach du große Scheiße!

Und die helle, glühend heiße Mittagssonne war das letzte was ich in meinem Vampirleben zu Gesicht bekam.
Leb wohl, du schöne Welt ...