
Sonntag Abend. Genau genommen ein nicht gerade aufregender Sonntag Abend. Ebenso aufregend wie der Rest dieses Sonntages. Und wenn man es genau nimmt, mochte ich Sonntage eigentlich im allgemeinen gar nicht. Ich kann mich auch an keinen einzigen Sonntag erinnern, der überhaupt in irgend einer Weise aufregend gewesen war. Gut. Vielleicht mochte es da einmal den einen oder anderen Sonntag gegeben haben, der durchaus ereignisreich war, aber im Moment konnte ich mich eben an keinen einzigen dieser herausragenden Sonntage erinnern. Ich hatte mir schon sehr häufig den Kopf darüber zerbrochen, was denn nun am Sonntag an sich eigentlich so schlimm sein sollte, aber selbst stundenlanges philosophieren über dieses seltsame Phänomen führte nur zu der Erkenntnis, daß ein Sonntag eigentlich nicht weniger schlecht oder gut als jeder andere Wochentag sein durfte. Aber dennoch. Offenbar ist dies eines der ungeklärten Rätsel der Menschheit, das selbst jahrtausendelange Forschung nicht imstande war zu lüften...
Und so saß ich also an diesem Sonntag Abend in meiner Wohnung. Allein, nur ein Weinglas und eine dazu passende, noch halb gefüllte Flasche deren Inhalt schon recht abgestanden sein mußte, da er in seinem grünen, gläsernen Behältnis schon seit fast einer Woche seines Endes harrte.
Die Kerze auf dem Tisch neben mir flackerte im Luftzug des geöffneten Fensters. Mit der kühlen Nachtluft drangen die Motorengeräusche der unter vorbei fahrenden Autos herein, ab und zu Gelächter von vorbei laufenden Leuten, Fetzen ihrer Gespräche und die leise Musik von der Bar schräg gegenüber und vier Stockwerke unter mir. Hin und wieder hupte ein empörter Autofahrer einen anderen vor sich aus irgend welchen Gründen an. Dunkelheit senkte sich langsam über die Stadt, und allmählich gingen die Lichter an in den Wohnungen auf der anderen Straßenseite. Ich nahm einen langen Schluck aus meinem Glas und ließ das schale Zeug meine Kehle hinunter laufen, ging dann zum Fenster, stellte das Glas neben mir auf dem Fensterbrett ab und sah in die Dämmerung hinaus. Unten verschwand gerade ein Pärchen in der Bar, die dafür einen Mann ausspuckte. Er hielt kurz inne und kramte in seinem Mantel herum und zündete sich schließlich unter seinem Hut eine Zigarette an, bevor er paffend weiterschlenderte. Mein Blick kroch weiter nach oben, die hohe Hausfassade entlang und blieb kurz an einer hell erleuchteten Wohnung hängen die sehr nobel eingerichtet war. Ein Stockwerk darüber beleuchtete nur ein gewaltiger Fernsehbildschirm das Zimmer und im letzten Stock glimmte Licht durch rostrote Vorhänge aus der Dachwohnung. Noch höher, über dem Dach des Hauses glitzerten ein paar Sterne träge am bereits dunkelblau gewordenen Himmel.
Ich kippte den noch verbleibenden Inhalt meines Glases hinunter, schüttelte mich unwillkürlich wegen des Geschmacks und lief zurück zum Wohnzimmertisch, um mein Glas ein weiteres Mal mit dem faden, brühwarmen Gesöff zu füllen. Die Kerze flackerte ungerührt weiter, fast schon hektisch, und war Flecken aus Licht an die Wände. Ich lief zurück zum Fenster und starrte hinauf in den Himmel der inzwischen ein ganzes Stück dunkler geworden war und an dem nun deutlich mehr Sterne zu erkennen waren, und schließlich war der Himmel vollends dunkel, so dunkel wie ein Himmel in der hellen Nacht der Stadtlichter eben sein konnte. Die Sterne funkelten gelangweilt und manchmal schob sich eine kleine Wolke gemächlich über den einen oder anderen.
Um diese Jahreszeit konnte man ein paar besonders helle Sterne beobachten, und jetzt, da ich eben darüber nachdachte, fiel mir ein einer auf, der sogar ganz besonders hell war. Ich hatte ihn zuvor gar nicht gesehen, aber vielleicht war er auch eben erst über den Rand der Hausdächer gewandert. Ein sehr außergewöhnlicher Stern, dieser ganz besonders helle! Er strahlte ein derart tiefes blaues Licht aus, wie ich es bei noch keinem anderen Stern gesehen hatte. Natürlich gab es blaue Sterne, ebenso wie rote, gelbe, weiße und orangefarbene. Aber ein blau wie dieses habe ich wirklich noch bei keinem Stern gesehen.
Ich fragte mich plötzlich, wie lange ich diesen Stern wohl angestarrt haben mochte, denn inzwischen war er ein beträchtliches Stück nach oben gewandert. Allerdings, ein Blick auf einen benachbarten Stern machte mich dann ein wenig stutzig. Im Gegensatz zu meinem blauen Riesenstern war dieser nämlich noch auf seinem alten Platz. Ich sah zurück zu dem anderen Lichtpunkt - plötzlich war er schon wieder ein ziemliches Stück nach oben gesprungen. Verwirrte leerte ich mein Weinglas auf einen Zug, ignorierte den entsetzlichen Geschmack und sah dann wieder zum Himmel. Jedoch, der Ort an dem sich der blaue Stern gerade eben noch vor wenigen Sekunden befunden hatte, war leer. Diesmal war er deutlich nach links verrutscht. Wirklich, eigenartig! Ich fragte mich, ob der Wein etwa vom langen Stehen schlecht geworden war, hielt das dann aber nicht für allzu wahrscheinlich. Und ganz soviel hatte ich dann doch nicht getrunken. Ich beschloß, den springenden Lichtpunkt nicht mehr aus den Augen zu lassen.
Minutenlang starrte ich angestrengt diesen einen Stern an, doch er weigerte sich standhaft, direkt vor meinen Augen die Position zu wechseln. Ich starrte ihn schließlich derart gespannt an, daß mir am Ende die Augen übergingen, und der Stern zusammen mit der gesamten Umgebung wie wild hin- und herschwankte. Ich kniff kurz die Augen zusammen, schüttelte das schwindelige Gefühl ab und sah wieder hinauf. Er stand noch immer dort wo er sein sollte, beziehungsweise nicht sein sollte nach seinen vorangegangenen Kapriolen und funkelte mich träge an. Naja, vielleicht hatte ich mich auch nur getäuscht. Meine Augen haben mir sicher einen Streich gespielt, wie sonst konnte ein ordinärer Stern so wüst am Himmel herumspringen. Ich sah das blaue Lichtlein da oben noch einmal an und ärgerte mich darüber, daß ich mich so hatte verarschen lassen. Und als der Stern erneut wie betrunken hin- und herschwankte, nahm ich mir vor, mit dem dämlichen aus-dem -Fenster-Gestarre aufzuhören Da muß man ja auch ganz bescheuert davon werden!!
Aber Moment: da war doch tatsächlich irgend was nicht so ganz in Ordnung! Ein kurzer Vergleich mit der Satellitenschüssel auf dem Dach gegenüber bewies, daß diesmal der Stern tatsächlich wie ein Alkoholiker im Vollrausch torkelte und schlingerte. Eindeutig! Ich behielt die Satellitenschüssel im Augenwinkel, während ich wie gebannt diesem Stern zusah. Ein eisiger Schauer rannte meinen Rücken hinunter und hinterlies dabei eine dicke Gänsehaut. Wie, verdammt nochmal, konnte ein Stern so am Himmel rumtorkeln! Sterne tun sowas im Normalfall ja auch gar nicht!
Der blaue Lichtfleck schwankte weiterhin - und blieb dann auf einmal stehen, als sei nicht das geringste geschehen. Und dann passierte auch gar nicht mehr. Ich atmete erleichtert auf, und hielt die Theorie, daß der Wein irgendwie schlecht geworden war für nicht mehr ganz so absurd - er hatte aber auch einen reichlich seltsamen Nachgeschmack, dieser Wein! Und überhaupt. Ein Stern, der schwankt! Lächerlich! Erzähl das mal morgen deiner Freundin! Die kriegt sich glatt nicht mehr ein! Und der Stern blieb weiterhin dort, wo er war, wie lange auch immer ich ihn ansah.
Ich wollte gerade das Fenster zumachen, da es inzwischen recht kalt wurde. Da! Plötzlich! Der sogenannte "Stern" machte einen jähen Satz nach links oben, verharrte dort einen Atemzug, sprang dann ein Stück gerade nach rechts zurück, dann nach unten, gerade daß er nicht hinter den Hausdächern verschwand und flitzte dann nach links quer über den Himmel, so schnell, daß ich ihn aus den Augen verlor. Das blaue Licht war weg, ich suchte den Himmel danach ab, doch es war, als wäre es nie da gewesen. Eilig schloß ich das Fenster und taumelte schockiert in das Zimmer hinein, als mir klar wurde, daß weder der Wein, noch meine schlechten Augen für das verantwortlich waren, was ich soeben gesehen hatte.Mir wurde auf einen Schlag eisig kalt - so kalt wie der Weltraum selbst. Es dauerte erst einmal, bis ich mich wieder so halbwegs beruhigt hatte und meine Umgebung wieder wahrnahm. Die Kerze auf dem Tisch flackerte unbeeindruckt weiter, jedoch war sie plötzlich fast komplett heruntergebrannt. Ein Blick auf die Uhr wollte mir glaubend machen, daß inzwischen mehrere Stunden vergangen waren, obgleich mir alles wie wenige Minuten vorgekommen war. Doch auch in den Wohnungen gegenüber von mir brannte schon längst keine Lichter mehr. Unglaublich, das alles!
Noch leicht zittrig zog ich die Vorhänge zu und beobachtete noch gar, wie die Kerze noch gar herunter brannte und schließlich vollends verlosch, so daß auch in meiner Wohnung kein Licht mehr brannte. Diesen Sonntag jedenfalls werde ich nie mehr vergessen. Und auch nicht dieses seltsame blaue Licht. Was mochte das nur gewesen sein, das dort am Himmel! Dieses Licht ....