Ich mag so ungefähr 14 oder 15 gewesen sein, als ich meine große Liebe entdeckte. Entgegen der Behauptungen aller Anderen in meinem Umfeld, insbesondere Verwandten, war diese Liebe weder ein kurzes aber heftiges Aufflammen eines pubertären Mädchens, noch ist sie während all der Jahre schwächer geworden. Wie in jeder Beziehung gab es da zwar so den einen oder anderen Durchhänger, aber mittlerweile ist mir klar geworden, daß ich gerne mehr hätte, als nur eine mehr oder weniger intensive Liebhaberei.

Genau genommen hatte ich meine ersten Erfahrungen damals im Sommer 1995. Seit mehreren Wochen steckte ich tagein - tagaus jede nur erdenkliche freie Sekunde meine Nase in das eine oder andere Buch über das wohl aufregendste und spannendste Thema der gesamten Menschheit - die Astronomie!

Ein paar Tage vor den Sommerferien - es könnte sogar die letzte Stunde in diesem Fach gewesen sein - erzählte uns unser damaliger Erdkundelehrer einiges über den in wenigen Tagen stattfindenden Kometeneinschlag auf dem Jupiter. Es handelte sich hierbei um jenen unglückseligen Felsbrocken mit dem Namen "Shoemaker-Levy 9" , den Jupiter mit seiner enormen Gravitation etwas unsanft eingefangen hatte, und der durch die recht rüde Behandlung in mehrere Einzelteile zerfallen war, die nun auf dem besten Weg waren mitten auf den Riesenplaneten zu stürzen. Unser Erdkundelehrer wollte uns ein wenig Naturwissenschaft in Form von Live-Action etwas näher bringen, doch man muß sagen, daß trotz seines erstaunlich geduldigen Engagements die meisten entweder gelangweilt die Decke anstarrten, oder sich andernweitig vergnügten, bis die Stunde endlich vorbei war. Ich glaube, der gute Mann, der noch dazu eine fast unerschütterliche Ruhe besaß, die sämtliche noch so galaktische Größen bei weitem übertraf, hatte nur einen einzigen aufrichtigen Zuhörer. Vielleicht waren es auch zwei, das kann ich heute nicht mehr sagen. Ich weiß nur noch, daß ich fasziniert zugehört hatte und akribisch auch noch jedes ach so kleine Detail über Position, Aussehen und Helligkeit des Planeten Jupiter , sowie die genauen Daten der Einschlags-zeitpunkte aufgeschrieben hatte. Es mag das erste und zugleich das letzte Mal in meiner gesamten, fast14-jährigen Schullaufbahn gewesen sein, daß ich freiwillig etwas aufgeschrieben hatte.

Daheim angekommen machte ich mich dann sofort an die Planung. Natürlich hatte ich schon vorher von dem Ereignis auf dem Jupiter gehört, aber der Vortrag meines Lehrers beflügelte meine Tatkraft im wissenschaftlichen Metier auf wortwörtlich astronomische Höhen. Allein bei dem Gedanken daran wurde mir heiß und kalt gleichzeitig, ich war förmlich euphorisch. Jeder andere mag an dieser Stelle wohl den Kopf schütteln, aber auch heute geht es mir noch so, wenn ich etwas über Schwarze Löcher oder Zeit und Raum lese. Das ist wahre Liebe.

Klar war jedenfalls, daß ich dies auf keinen Fall verpassen durfte. Aber wie beobachten? Mit bloßem Auge konnte man so was nicht erkennen. Mit dem Fernglas, also? Ausgeschlossen! Die Vergrößerung reichte keinesfalls aus, da mußten schon schwerere Geschütze aufgefahren werden. Dann fiel mir ein, daß mein Onkel ja einmal ein Teleskop besessen hatte, oder es womöglich sogar noch besaß. Meine Mutter, die gleichzeitig die Schwester des besagten Familienmitglieds war, war ebenfalls der Ansicht, daß er es noch haben mußte. Ein Anruf genügte, um dies zu bestätigen, und auf mein Drängen hin brachte er es am nächsten Tag persönlich vorbei. Welch ein Glück, sonst wäre es zu spät gewesen, denn ich hatte die ersten beiden Einschläge bereits verpasst.

Am nächsten Vormittag brachte mein Onkel das gute Stück dann persönlich vorbei und setzte es mitten im selten benutzen Eßzimmer eigenhändig zusammen. Es war nicht gerade übermäßig groß, brachte es mit einer Brennweite von fast einem Meter und einer Linsenöffnung von knapp acht Zentimetern auf eine dann doch recht stattliche Größe für ein Linsenfernrohr. Ganz besonders, wenn man bedenkt, daß ich noch niemals bisher mit einem Teleskop gearbeitet hatte. Ich konnte es kaum erwarten und beobachtete meinen Onkel so genau wie möglich. Wie er das Stativ zusammenschraubte, die Montierung und die Skala für die Himmelskoordinaten befestigte, und schließlich das schlanke, silberne Rohr in eine Halterung klemmte, aus der noch ein silberner Stab herausragte, an dem sich ein Gewicht zum Ausgleich befand. Dann gab er mir eine kurze Einführung und verschwand wenig später mit den an meine Mutter gerichteten Worte: "Des is' bloß so a Phase. In a paar Monaten interessiert's sich nimmer dafür!"

Leider machte mir an den beiden darauffolgenden Tagen das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Also nützte ich die Zeit, indem ich die Anleitung des Teleskops von vorne bis hinten und noch einmal rückwärts studierte, und ein paar Trockenübungen am hellichten Tag machte. Es erwies sich jedoch als etwas gewöhnungsbedürftig, die Birnen am Obstbaum in dem kleinen Garten auf der anderen Seite der breiten Hauptstraße zwar absolut scharf und riesig groß zu sehen, jedoch auf dem Kopf stehend.

Dann endlich war es soweit. Die Nacht war klar und ich bestens vorbereitet, kannte mich genauestens mit den verschiedenen Prismen und Okularen aus und wußte, an welcher Position ich nach dem Jupiter zu suchen hatte. Der heutige Einschlag sollte so ungefähr um drei Uhr mitten in der Nacht stattfinden, also programmierte ich meine Stereoanlage so, daß sie mich rechtzeitig weckte. Pünktlich schrillte das Alarmstufe Rot - Signal aus den "Star Trek" - Filmen, und riß mich recht unsanft aus dem Schlaf. Noch recht benebelt tastete ich nach der Fernbedienung und würgte die kreischende Sirene inmitten eines besonders entsetzlichen Geräuschs jäh ab. Dann schälte ich mich aus dem Bett, warf mir ein paar angemessene Kleidungsstücke über und zog los, meine Mutter zu holen, die mir helfen sollte, das vorsorglich komplett aufgebaute Teleskop nach draußen zu befördern.

Schließlich befanden wir uns alle draußen auf dem kleinen Podest vor der Eingangstür. Neben mir gähnte meine Mutter ausgiebig und machte auch sonst einen noch ziemlich von Schlaf benebelten Eindruck, während ich selbst vor lauter Forscherdrang am liebsten Platzen wollte. Um diese Zeit war auf der sonst so lebhaften Hauptstraße, wenige Meter von dem großen, gelben Mietshaus in dem wir damals wohnten entfernt, nicht das geringste los.

Den guten alten Jupiter erkannte ich sofort. Er war zu dieser Zeit besonders hell und strahlte in einem gelblich-blauen Licht, das besonders ruhig war hoch über den Dächern der Häuser auf der anderen Straßenseite.

"Das ist er!" rief ich triumphierend, und machte mich sofort daran, mein Teleskop auszurichten. Soweit, so gut! Selbst wenn du die genauen Himmelskoordinaten von Jupiter hättest, könntest du jetzt auch nichts damit anfangen. Dein Rohr hat hier keinen festen Standort, an dem es das ganze Jahr bleibt, und die Achsen der Montierung sind noch nicht auf die Achsen der Himmelskoordinaten ausgerichtet. Außerdem wüßtest du im Moment gerade nicht, wo du Rektaszension und Deklination hinstecken solltest, da du ja noch nicht so lange im Geschäft warst. Damit fiel also die professionelle Methode flach. Ich wäre wohl noch bis zum Morgengrauen hier rumgestanden, hätte ich erst die ganzen Justierungen machen müssen. Schön, wie wär's, wenn ich es mal mit dem kleinen Zielfernrohr versuchen würde, daß oben am Rohr des Teleskops angeschraubt war. Wozu ist das Ding schließlich da? Also lockerte ich die beiden Schrauben, die das Teleskop in seiner Position hielten und drehte es grob in Richtung Jupiter. Mit zwei langen, von der Montierung abstehenden Winden konnte man das Rohr noch fein einstellen, also schielte ich durch das Zielfernrohr und begann an den Winden zu drehen. Ich drehte sie in sämtliche Richtungen, nach oben und unten , nach rechts und links, und in alle nur erdenklichen Diagonalen. Doch nichts passierte, mal abgesehen von dem Krampf, den ich im linken Augenlid bekam, weil ich es ständig zugekniffen halten mußte. Da hatte ich wohl doch nicht so gut getroffen wie ich dachte, also versuchte ich es ein weiteres Mal. Schrauben aufdrehen, Rohr in Position bringen, festdrehen und dann im Zielfernrohr nach dem Planeten Ausschau halten. Doch wieder konnte ich nichts sehen. Erst beim dritten Versuch gelang es mir, Jupiter tatsächlich mehr oder weniger ins Fadenkreuz des kleinen Fernrohres zu bringen. Voller Aufregung wagte ich dann den Blick durch das eigentliche Teleskop - und fand das Blickfeld gähnend leer vor. Verwirrt sah ich wieder hoch und starrte von dem Zielfernrohr, das nun wie eine Warze aus dem sonst so makellosen Teleskoptubus zu wuchern schien, auf das große Rohr, zurück zu dem kleinen Fernrohr und wieder auf das Teleskop. Ich kratzte mich zutiefst bestürzt am Hinterkopf und wunderte mich, was das wohl für ein eigentümliches Zielfernrohr sei. Und nach etlichen Minuten verzweifelten Grübelns kam ich auf die Lösung des Problems, welche so banal war, daß ich mir eigentlich selbst eine hätte runterhauen müssen. Auf der Linsenöffnung steckte noch immer die rabenschwarze Schutzkappe. Glücklicherweise war es dunkel genug, daß meine Mutter nicht sehen konnte, wie ich auf einen Schlag feuerrot anlief. Aber sie schien die Episode mit der Schutzkappe eben sowieso nicht so ganz mitbekommen haben, denn sie stand schon fast schlafend neben mir und gähnte höchstens ab und zu herzhaft.

Erleichtert blinzelte ich ein weiteres Mal durch das Teleskop, das nun einen freien Durchblick gewährte. Nach kurzem Scharfstellen erkannte ich eine Menge kleiner Sternchen, die offenbar für das bloße Auge zu schwach waren. Wie überwältigend! Aber halt, hatte ich da nicht ein kleines Detail übersehen? Jupiter, das eigentliche Objekt meiner Begierde war nirgends zu entdecken. Ein kontrollierender Blick durch das Zielfernrohr sagte mir allerdings, daß ich den Planeten noch immer im Visier hatte, wenngleich er auch durch die Erddrehung ein wenig zur Seite gerutscht war. Doch im Teleskop zeigte sich hartnäckig das gleiche Bild ohne Jupiter. Das konnte dann nur bedeuten, daß das Zielfernrohr offenbar nicht anständig montiert war und so auf einen anderen Punkt am Himmel gerichtet war, wie das Hauptteleskop, was eigentlich nicht sein sollte. So ein Mist! Aber auf der anderen Seite, so weit konnte Jupiter dann ja auch nicht weg sein, also schielte ich ein weiteres Mal durch das Okular und drehte mit den Winden das Teleskop systematisch in sämtliche Himmelsrichtungen. Doch nichts geschah, kein Jupiter tauchte im Blickfeld auf, nur noch weitere lichtschwache Sterne, denen ich im Moment allerdings nicht das geringste abgewinnen konnte. Als ich wieder aufsah, hatte ich das Teleskop bereits total verstellt. Im Zielfernrohr war nicht mehr die geringste Spur von Jupiter zu erkennen. So was blödsinniges! Und meine Mutter stand zitternd vor Kälte neben mir und fragte mich, ob ich ihn denn nun endlich gefunden hätte, den Jupiter.

"Ich hab ihn gleich - äh - hab nur das Teleskop getestet, wegen den Einstellungen, und so, eben!"

Langsam wurde es allerdings höchste Zeit, bis zum Einschlag waren es nur noch wenige Minuten, also beschloß ich es auf die Harte, nicht gerade professionelle Tour zu versuchen. Ich löste ein weiteres Mal die Feststellschrauben, hielt das Rohr, damit es nicht irgendwo unsanft anschlagen konnte, und kniete mich auf den eisigen Steinboden des kleinen Podestes vor unserer Haustür. Dann schielte ich mit dem rechten Auge am Körper des Rohres entlang und drehte es so lange, bis der Planet direkt in der Linsenöffnung stand. Jetzt hatte ich ihn mit Sicherheit! Doch der Blick durch das Okular zeigte weiterhin nur kleine Sternchen. Aber diesmal konnte er wirklich nicht weit entfernt sein, also machte ich mich in wieder an den Winden zu schaffen. Nach mehreren Augenblicken nicht mehr ganz so systematischen Hin- und Herdrehens sprang mir dann auf einmal etwas riesiges, unheimlich hell leuchtendes ins Blickfeld. Na endlich! Das mußte er sein! Gerade noch rechtzeitig hatte ich den Jupiter also doch noch gefunden. Und wie riesig er war! Fast das ganze Blickfeld füllte er aus, und das bei der kleinsten Vergrößerung! Ich war zutiefst beeindruckt von der Leistungsfähigkeit dieses so unscheinbaren Teleskops. Zwar war der Planet noch ein wenig verschwommen, und auch nach mehrmaligem Drehen an der Scharfeinstellung wurden nur die Ränder deutlicher. Außerdem hätte man bei einer solchen Vergrößerung doch die Muster der Jupiteratmosphäre erkennen müssen, wie die breiten Wolkenbänder, oder den großen roten Fleck. Aber Jupiter blieb weiterhin strahlend hell wie eine Sonne, und ich mutmaßte, daß man wahrscheinlich noch einen speziellen Filter bräuchte, um solche Details erkennen zu können. Aber die Farbe, die machte mir noch ein wenig Kopfzerbrechen, denn hier im Teleskop erschien er grell weiß, mit einem Stich ins unnatürlich wirkende gelb-grün. Und diese scharfe Kante, die aus der Planetenscheibe eine Art länglichen Halbkreis machte, wo sie doch eigentlich rund sein sollte, befand ich ebenfalls für recht seltsam. Doch ich schob den einen Umstand auf die Optik, den anderen auf einen Zweig des Baumes auf der anderen Straßenseite, der den Planeten an der einen Seite offenbar bedecken mußte.

Ein kurzer Blick auf die Uhr, gleich war es so weit! Ich knipste die Taschenlampe wieder aus und blickte durch das Rohr. Während meine Mutter hinter mir kurz davor war am Boden festzufrieren und dann in dieser Position einzuschlafen, trieb mir die freudige Erwartung die Hitze ins Gesicht, so aufgekratzt war ich zu dieser doch recht nachtschlafenden Zeit. Minutenlang schielte ich durch das Okular, das linke Auge hielt ich mir vorsorglich mit der Hand zu um einen neuen Krampf zu vermeiden. Die Spannung stieg. Und ich wartete und wartete und wartete...

Irgendwie tat sich nicht das geringste auf der Jupiteroberfläche. Ich hatte doch nicht etwa den Einschlag verpasst! Aber die Uhr sagte mir, daß es genau zu dem Zeitpunkt passierte. Als ich durch das Fernrohr gesehen hatte, und seit fast zwei Minuten war der Spuk bereits wieder vorüber. Aber weshalb ich dann dennoch nichts gesehen hatte, blieb mir ein unerklärliches Mysterium.

Mit bloßem Auge sah ich hinauf zum Jupiter, der noch immer friedlich am Himmel funkelte, als sei nichts geschehen, und dann hinunter zum Teleskop. Mit einiger Bestürzung sah ich ein weiteres Mal zum Himmel, und zurück zum Rohr, und abermals hinauf. Und dann lief ich ein weiteres Mal knallrot an.

"Ach du Scheiße! Ich glaube, ich habe die ganze Zeit lang die Straßenlaterne im Visier gehabt!"

Meine Mutter kicherte nur in sich hinein. Ziemlich peinlich berührt blies ich zum taktischen Rückzug. Ich hielt meiner Mutter die Tür auf, damit sie das komplette Teleskop wieder nach Innen bugsieren konnte und sah, bevor ich die Türe hinter mir schloß ein letztes Mal zu Jupiter auf, der gerade eben eine gewaltige verpasst bekommen hatte.

In meinem Zimmer beförderte ich meine Klamotten auf den nächstbesten Stuhl und wickelte mich in meine Bettdecke ein. O wie ärgerlich! Das war gerade eben der letzte beobachtbare Einschlag, und ich Rindvieh hab doch tatsächlich die Straßenlaterne getroffen! So was peinliches! Ich konnte gar nicht daran denken, ohne daß ich den Drang verspürte, Kopf voran gegen die nächstbeste Wand zu laufen. Die Birnen am Obstbaum waren eigentlich leicht zu finden! Aber bei Himmelskörpern sah die Sache offenbar ganz anders aus, man sollte es kaum glauben, aber es ist wirklich unwahrscheinlich kompliziert, einen Stern oder Planeten auf gut Glück in das Blickfeld eines Teleskops zu bekommen.

Verärgert drehte ich mich in meinem Bett zur Wand, stieß noch ein letztes grimmiges Grunzen aus, und schlief dann frustriert ein.