Die Vorweihnachtszeit ist jedes mal wieder ein ganz besonderes Erlebnis, gerade wenn man in einer kleinen Vorstadtsiedlung lebt, so wie ich. Dabei ist das Besondere an Weihnachten nicht die friedliche Stimmung, die Plätzchen oder der Tannenbaum, nein, es sind die kreativen Ergüsse der Nachbarn beim festlichen Dekorieren ihrer Häuser, die ein jedes Jahr wieder einschlagen wie eine verdammte Langstreckenrakete.

Ich meine, ich habe ja nichts gegen Sterne im Fenster, die Lichterkette um die Fichte im Vorgarten oder den Lichterbogen am Fensterbrett. Sogar mit weißen Glühbirnchen umrahmte Fenster und Haustüren kann man ja gerade noch so ansehen, aber was da so mancher weihnachtswütige Zeitgenosse bisweilen anrichtet ist schlichtweg unbeschreiblich. Das geht dann an mit diesen in sämtlichen Farben blinkenden Sterne, reicht über quietschbunte Leuchtrentiere im Fenster und endet mit komplett fachgerecht ausgeleuchteten Häuserfassaden.

Als ich neulich Abends nach Hause fuhr, entdeckte ich ein Anwesen, ein paar Straßen von dem meinen entfernt, das vom Besitzer vom Dachgiebel bis zum Kellereingang gleichmäßig mit unzähligen bunten Birnchen zugekleistert war, einschließlich des Gartenzauns. Um ein Haar wäre ich mit meinem Auto im Vorgarten gelandet, so sehr hatte ich mich bei diesem Anblick erschrocken!

Und so bringt die Weihnachtszeit jedes Jahr neue Überraschungen mit sich. Voller Schrecken erwartet man stets wieder, was die Nachbarn denn nun dieses mal ausgebrütet haben. Mit der Zeit entwickelt man da förmlich eine Phobie gegen die Feiertage, und es kostet enorme Überwindung, am ersten Dezember nicht in das nächstbeste Reisebüro zu stürmen und das Personal dazu zu zwingen, auf der Stelle noch einen Flug irgendwohin aufzutreiben, wo niemand was von Weihnachten weiß - oder zumindest nicht von Weihnachtsbeleuchtungen.

 

Es mag so ungefähr zwei Wochen vor Weihnachten gewesen sein, da saß ich eines Abends gelangweilt vor dem Fernseher und zog mir lustlos irgendeinen Film rein. Und wie ich so auf meinem Sofa herumhing fiel mein Blick durch das große Fenster des Wohnzimmers hinaus auf ein anderes Haus von dem ein Fenster von einer Lichterkette eingerahmt war, welche in unregelmäßigen Abständen langsam an und ausging. Und während ich der Lichterkette weiterhin zusah, dachte ich so bei mir, um Himmels Willen, schon wieder so'ne scheußliche Weihnachtsbeleuchtung! Dann erst fiel mir auf, daß das Haus zu dem das erleuchtete Fenster gehörte eigentlich seit einiger Zeit leer stand. Der vorherige Besitzer war ausgezogen, als seine Frau mit einem Jüngeren durchbrannte. Aber offenbar war es inzwischen wieder verkauft und bewohnt, obwohl ich nie ein Umzugsauto bemerkt hatte, oder sonst irgend etwas, was darauf hindeutete, daß wieder Leute darin waren. Aber gut, ich war ja auch nicht die ganze Zeit zu Hause, und jemand mußte schließlich die Beleuchtung da hin gehängt haben, wo sie nun träge vor sich hin leuchtete. Ich hatte schon eine Zeit lang diese Beleuchtung angestarrt, da erloschen die klaren Birnen endgültig, und stattdessen leuchtete ein Vorhang aus kleinen roten Birnchen auf, der dann allmählich die Farbe zu grün wechselte, dann wieder zu rot, zu grün, rot, grün, rot, ... schließlich kurz innehielt und daraufhin begann hektisch zu blinken.
Ich riß meinen Blick von diesem überwältigenden Schauspiel los, schüttelte mich angeekelt und beschloß, ins Bett zu gehen.

An den nachfolgenden Abenden ging diese Weihnachtsbeleuchtung weiterhin ihrem exzentrischen Blink-Programm nach. Besonders nervtötend an der ganzen Angelegenheit war dabei, daß das dumme Ding einmal einschläfernd langsam die Farbe wechselte, und dann wenn man kurz davor war wegzutreten, panisch blinkte und blitzte, und das in einem rasenden Tempo. Auf Dauer machte das einen förmlich kirre, ganz besonders wenn man länger zusah, auch wenn man das nur aus den Augenwinkeln tat. Auf jeden Fall war das mit Abstand die abscheulichste Weihnachtsbeleuchtung, die ich in meinem ganzen Leben jemals gesehen habe. Und dabei fand ich sie nicht einfach nur geschmacklos und kitschig, so wie das eingekleisterte Haus ein paar Straßen weiter, nein, ich begann so langsam diese spezielle Beleuchtung zu hassen, und zwar aus tiefstem Herzen, leidenschaftlich und abgrundtief!

Glücklicherweise war das die einzige Beleuchtung die der neue Bewohner am Haus angebracht hatte, ich fragte mich ernsthaft, was für ein schräger Vogel das wohl sein mochte, wenn er das Blinkdings so toll fand.

Wie auch immer, in dieser Nacht schlief ich ziemlich schlecht. Jedesmal wenn ich die Augen zumachte, fing es um mich herum an ganz wild zu blinken und zu blitzen, und das in allen nur erdenklichen Farbschattierungen. Ich wälzte mich von der einen Seite auf die andere, von links nach rechts und wieder zurück. Schließlich stand ich auf, trottete hinunter in die Küche und genehmigte mir ein, zwei Schnäpschen, schlich dann wieder hoch als ich glaubte, endlich die nötige Bettschwere erreicht zu haben. Doch auch das half nichts. Wenige Minuten später stand ich schon wieder senkrecht und beschloß, es mit ein wenig frischer Luft zu versuchen. Ich öffnete das Fenster, es war klirrend kalt draußen. Seltsamerweise blinkte die Beleuchtung noch immer vor sich hin, und das obwohl es fast halb vier am Morgen war. Nun, vielleicht hatte der Besitzer vergessen, sie auszuschalten, aber wer vergißt denn schon eine solche Weihnachtsbeleuchtung! Genervt schloß ich das Fenster wieder und zog die Jalousie so weit nach unten wie es nur ging. Dann endlich schlief ich ein.

 

Am Morgen riß mich mein Wecker ziemlich unsensibel aus dem Schlaf. Leider lassen sich in der Beziehung Wecker nicht allzu viel sagen, jedenfalls fühlte ich mich, als hätte ich die Nacht durchgesoffen. So beschißen hatte ich mich schon ziemlich lange nicht mehr gefühlt. Einige Liter Kaffee später ging es mir zumindest gut genug um die Lampe in der Küche ohne Sonnenbrille ertragen zu können. Die eisige Luft draußen tat so gut wie ein Schlag ins Gesicht, aber wenigstens half das. Ich traf draußen auf meinen Nachbarn, einen kleinen, haarlosen Mann der sein bestes gab breiter als lang zu werden.

" Morgen! Was'n Wetter! Wird wohl schneien, schätze ich!" plapperte er fröhlich drauf los.

" Morgen! Hmm, weiß nicht, vielleicht wird es dann wenigstens ein bischen wärmer, war verdammt kalt die letzten Tage!" antwortete ich noch leicht benommen.

" Allerdings!" meinte die untersetzte Gestalt und wurde dann von einem ausgiebigen Gähner unterbrochen. "Verzeihung, hab nicht grad gut geschlafen die letzten Nächte."

" Ach, du auch nicht? Ich hab ebenfalls kein Auge zubekommen!"

" Was für ein Zufall! Meine Frau nämlich auch nicht! Und das, wo die doch schläft wie 'ne Tote! Neben der könnte eine Bombe hochgehen - die würde sich höchstens umdrehen und dann weiterschlafen - normalerweise!"

" Sag mal, weißt du vielleicht, wer das Haus vom Meier gekauft hat?" fragte ich meinen Nachbarn, da er sonst so einiges wußte, was in der Nachbarschaft vor sich ging.

" Das Haus? Keine Ahnung. Ich hab noch nie jemanden rausgehen sehen, oder rein, oder sonstwas. Man könnte meinen, es steht noch immer leer!"

" Aber die Weihnachtsbeleuchtung ... "

" Ach ja, das Mistding! Man kann einfach die Augen nicht weglassen davon. Und dabei ist die total daneben!" meinte er und grinste gezwungen.

" Wie auch immer. Wenn du was hörst, sag mir Bescheid, ich muß in die Arbeit!" Und damit zwängte er seinen Bauch hinter das Lenkrad seines Autos und fuhr davon. Ich warf einen kurzen Blick zum Haus rüber - die Beleuchtung war inzwischen ausgeschaltet, und auf diese Entfernung gab es kein Anzeichen, das sie überhaupt existierte, geschweige denn irgend ein Bewohner. Egal, ich sollte mich auch langsam auf den Weg machen, da ich eh schon recht spät dran war.

Am späten Nachmittag kam ich heim. Es hatte tatsächlich zu schneien begonnen, und das noch dazu ziemlich dick. Daheim standen schon die ersten draußen auf der Straße um ihre Garageneinfahrten freizuschaufeln. Vielleicht wüßte ja einer von denen etwas über das Haus, und so ging ich zu meinem Nachbarn, der schräg gegenüber wohnte.

"Hallo Franz, wie geht's!" begrüßte ich ihn.

"Ach hallo! Ganz gut, ganz gut! Und selbst?"

"Kann nicht klagen, ein wenig übermüdet, vielleicht, aber sonst ..."

"Ach was, sag bloß, du kannst auch seit einiger Zeit nicht mehr gut schlafen!" fragte er.

"Nein, komischerweise nicht. Der Helmut hat mir heut früh auch sowas erzählt." meinte ich.

"Sachen gibt's! Soweit ich weiß geht's der halben Nachbarschaft so. Eigenartig. Ich sag dir was, das liegt bestimmt an der scheußlichen Weihnachtsbeleuchtung, die beim Meier im Fenster hängt!" sagte er und grinste breit.

"Wirklich, ein ekelhaftes Ding! Weißt du eigentlich, wer das Haus gekauft hat?"

"Ich habe keine Ahnung. Hier gibt's deswegen schon die wildesten Gerüchte. Ist wohl nur ein recht menschenscheues Exemplar, jeder hat schließlich so seine Macken!"

"Tja, aber ein Exemplar mit ziemlich miserablem Geschmack. Die Beleuchtung ist ja wohl wirklich das letzte!" meinte ich.

"Da widerspricht dir ausnahmsweise mal niemand. Der Siebert, oben in der Keplerstraße hat sich schon so darüber aufgeregt, daß er vor zwei Tagen nachts mit dem Luftgewehr vor dem Haus stand und den neuen Besitzer - wer auch immer das sein mag - recht herzhaft beschimpft hat. Glücklicherweise ist seine Frau dann gekommen und hat ihn wieder mitgenommen, bevor er etwas dummes anstellen konnte." erzählte Franz noch immer grinsend wie ein Schuljunge.

"Der Siebert war schon immer ein Streithammel, aber davon hab ich gar nichts mitbekommen."

"Naja, war ja auch kurz nach zwei in der Nacht. Aber das allerbeste weißt du ja noch gar nicht."

"Und das wäre?" fragte ich nach, und dachte mir, was jetzt wohl käme.

"Gestern Abend, so um halb elf ist so einer den Leuten, ein paar Straßen weiter, die ihr ganzes Haus voller bunter Lichterketten haben frontal voll durch den Zaun direkt in den Vorgarten gefahren!"

 

Etwas später saß ich in meiner Küche und hielt mich an einer Tasse Kaffee fest. Franz und ich hatten noch ein wenig geplaudert, über den Schnee hauptsächlich, da es so aussah, als wollte es die ganze Nacht durchschneien. Inzwischen war es dunkel geworden, und besagte Weihnachtsbeleuchtung blinkte mich soeben hektisch durch das Küchenfenster an. Es dauerte nicht lange und ich war einigermaßen wütend deswegen. Das Ding war schließlich schon langsam eine Beleidigung, und zwar nicht nur für meine Augen. Keiner mit dem ich mich bisher unterhalten hatte konnte das Ding leiden, wir haßten es alle abgrundtief ... und trotzdem konnte man einfach keinen Blick davon lassen, was einen paradoxerweise gerade noch weiter aufstachelte. Ich hätte nie gedacht, daß ich so was mal über eine bescheuerte Weihnachtsbeleuchtung sagen würde, aber das Ding wurde mir allmählich richtig unheimlich! Ich beschloß, die Jalousie runterzulassen, damit ich der Blinkerei nicht die ganze Zeit zusehen mußte, da hörte ich Lärm draußen auf der Straße. In der Dunkelheit erkannte ich zwei Gestalten, neugierig was der Radau sollte öffnete ich das Fenster.

"Was fällt dir eigentlich ein den ganze Schnee in meine Einfahrt zu kippen!" wetterte der eine drauf los.

"Das ist eine Frechheit! Eine Bodenlose Frechheit! Wer hat hier wem die Einfahrt zugeschippt!" brüllte der andere.

"Was behauptest du da, du dreckiger kleiner Mistkerl! Na warte, ich polier dir die Fresse! Komm her, Freundchen!" Jetzt erst erkannte ich Helmut, und der andere mußte dann wohl sein anderer Nachbar, noch ein Haus weiter unten, sein.

"Arschloch! Dir zeig's ich! Ich hau dich kurz und klein!" seine Stimme überschlug sich gleich mehrfach.

Dann ging alles ziemlich schnell. Der Mann, den ich als Helmut identifiziert hatte holte weit aus und verpasste seinem Nachbarn einen rechten Schwinger, der sich gewaschen hatte. Er taumelte rückwärts und klatschte geradewegs in einen Haufen Schneematsch mit etwas Straßendreck. Doch wenige Augenblicke nachher war er auch schon wieder auf den Beinen und stürzte sich auf Helmut, der immerhin zwei recht gefährlich aussehende Schläge einsteckte, bevor er seinerseits in das aufgeweichte und dementsprechend schlammige Vorgartenbeet des Hauses gegenüber fiel. Es war fast ein Wunder, daß er noch immer bei Bewußtsein war, und sich soeben daran machte, seinen Gegner, Kopf voran, wie ein tollwütiger Stier, umzurennen. Allmählich wurde die Sache gefährlich. Ich wunderte mich, daß außer mir noch niemand den Krawall da draußen bemerkt hatte, aber irgend wer sollte schleunigst etwas tun, bevor sich die beiden Idioten noch gegenseitig umbringen. Ich schnappte eilig meinen Mantel und rannte hinaus auf die Straße.

"Hört gefälligst auf, ihr Trottel!" brüllte ich. Es zeigte Wirkung, die beiden hielten inne und starrten mich an, als wäre ich der heilige Geist. Erleichtert atmete ich auf. Dann machte Helmuts Nachbar den Mund auf.

"Was mischst'n du dich da ein, geht dich gar nichts an, du neugieriges, kleines Biest!"

"Ja, genau!" setzte Helmut hinzu: "Du willst wohl Streit haben! Schaulustige Weibsbilder sind doch echt das letzte!" Schockiert blieb ich zunächst wie angewurzelt stehen, dann aber kroch die Wut in mir hoch und ich stapfte auf die beiden zu - Kerle hin oder her!

Eh er wußte, wie ihm geschah, hatte Helmut einen kräftigen Tritt sitzen, und zwar dorthin, wo's wirklich wehtat. Er krümmte sich zusammen und sank freiwillig in sein schlammiges Beet zurück. Dummerweise überraschte mich sein Nachbar mit einem Dampfhammerartigen Schwinger direkt auf mein linkes Auge. Das tat vielleicht weh! Ich schüttelte mich kurz und wollte ihm gerade mit dem Hintern zuerst ins Gesicht springen - da hörte ich eine schrille Stimme von irgendwo her.

" Dieter Schmitz! Was soll das! Du bist wohl total durchgeknallt, komm gefälligst nach Hause und laß diesen Blödsinn!" und plötzlich war er verschwunden. Mir wurde ein wenig schwarz vor den Augen, also sah ich zu, daß ich wieder in mein eigenes Haus kam.

 

Am nächsten Morgen fand ich mich im Wohnzimmer wieder - mehr neben dem Sofa als darauf - und wußte zuerst gar nicht, was gestern geschehen war. Irgendwas an meinem Gesicht fühlte sich ganz und gar nicht gut an - oha! - das tat ja richtig weh! Besonders mit meinem linken Auge schien etwas nicht zu stimmen. Ich hievte mich in eine halbwegs stehende Position und schaffte es irgendwie zum nächstbesten Spiegel. Ich bekam einen mittleren Schock, als ich die Person mit dem verquollenen Gesicht und dem gewaltigen Veilchen erblickte, das rote Haar wirr und dreckverkrustet. Mir tat alles weh, jeder einzelne Knochen, und dann fiel mir auf einmal alles wieder ein.

Ich verbrachte den Tag auf dem Sofa, es war mir ein Rätsel, was gestern in uns gefahren war. Ich bin nicht sonderlich streitlustig, und wenn mich jemand auf so plumpe Weise beleidigt, raste ich schon gleich gar nicht aus. Aber gestern ... Helmut und sein Nachbar haben sich eigentlich auch schon immer außergewöhnlich gut verstanden, und plötzlich zetteln die eine Schlägerei an - und hatten sogar keine Skrupel, eine Frau zu schlagen ... Ich verstand die Welt nicht mehr, denn auch ich hatte mit keinem der beiden jemals ein Problem, niemand hier in der ganzen Siedlung hatte mit irgend jemandem ein Problem. Wirklich seltsam.

Am nächsten Tag hatte ich mich wieder halbwegs soweit hinbekommen, daß ich mich wieder auf die Straße traute, mal von dem ungemein dekorativen Veilchen abgesehen. Als ich wieder nach Hause kam traf ich auf Franz.

"Was ist denn mit dir los?" fragte er, und war sichtlich ein wenig schockiert. Ich erzählte ihm die haarsträubende Story, zumindest soweit, wie ich sie noch in Erinnerung hatte.

"Unglaublich! Ich hatte zwar was auf der Straße gehört, aber ... naja, seit ein paar Tagen passieren schon so seltsame Dinge. Oben, in der Kopernikus-Straße haben sich vor drei Tagen ein paar geschlägert, ziemlich üble Sache, zwei davon liegen noch immer im Krankenhaus. Gestern Nachmittag liefen Frau Siebert und Frau Schmitz vorbei und haben sich ziemlich heftig gestritten. Eine halbe Stunde später fand ich Frau Siebert, sie lag in meinem Vorgarten."

"Um Himmels Willen! Was ist passiert!" entfuhr es mir entsetzt, und nahm schon das Schlimmste an. "Es geht ihr gut. Sie erzählte mir, daß Frau Schmitz mit einer Salatgurke auf sie losgegangen war!"

"Mit einer Gurke?" Ich war fassungslos. Nur Hausfrauen kommen auf die wahnwitzige Idee, sich mit Gurken zu schlägern.

"Tja, eine seltsame Geschichte. Dummerweise, kam meine Frau nach Hause und sah, wie ich mit Frau Siebert in der Küche saß. Ich hatte ihr Kaffee gemacht und mit ihr geredet. Sie war vollkommen unter Schock. Weiter war nichts. Meine Frau hat sich daraufhin wie eine Furie aufgeführt, das ganze Geschirr zerschlagen, und meine Briefmarkensammlung in Brand gesetzt. Ich hab sie noch nie so erlebt, sie ist doch gar nicht der Typ zu so was, und Frau Siebert war doch schon so oft bei uns zu Hause!" Franz war inzwischen vollkommen fertig mit den Nerven. Mir war unbegreiflich, was hier vor sich ging, Lore, Franz' Frau war das friedfertigste Geschöpf daß ich je getroffen hatte. Ich verstand nicht, was hier mit uns geschah.

"Kann ich irgendwas für dich tun?" fragte ich Franz. "Ist sonst alles in Ordnung mit dir, du ..."

"Ach, halt die Klappe und geh mir aus den Augen, du verlogenes Miststück!"

"Franz, was ist mit dir?" Irgendwas hatte sich gerade bei ihm verändert, und damit meine ich nicht nur seine Ausdrucksweise. Plötzlich kam er mir klein und grau und verkümmert vor, und er strahlte etwas derart abgrundtief bösartiges aus, daß es mir eiskalt den Rücken hinunter lief.

"Verzieh dich, hau ab, oder ich verpaß dir 'ne Tracht Prügel, die du dein'n Lebtag nicht vergißt! Ja, ich prügel' dich zu Tode!"

 

Später saß ich in meiner Küche und zitterte noch immer am ganzen Leib. Das vorhin war nicht Franz, irgendwie nicht ... aber was war los, die ganze Siedlung schien plötzlich verrückt zu spielen. Als es dunkel wurde, blinkte auch schon wieder diese verrückte Weihnachtsbeleuchtung. Oh, wie ich das Ding haßte! Ich konnte mir nicht vorstellen, daß irgend ein Mensch auf der ganzen weiten Welt etwas so sehr hassen konnte wie ich diese von allen guten Mächten verfluchte Beleuchtung! Andauernd dieses Geblinke und Geblitze, diese verflixten Farbwechslereien, als ob dieses Blinkdings einen auslachen und verspotten wollte! Unmöglich! Ich weiß was, ich werde jetzt auf der Stelle da rüber gehen, zu dem Haus, seinen neuen Bewohner höchstpersöhnlich an den Ohren rauszerren und ihn unter Mordandrohung dazu zwingen, dieses Höllenteil wegzunehmen! Seit etlichen Tagen ging das schon so, ich war mir sicher, der Besitzer von dem Ding hatte das nur getan, um uns, uns ahnungslose und unschuldige Anwohner zu verarschen und zu ärgern! Und damit sollte jetzt ein für alle mal Schluß sein!

Ich stürmte also auf die Straße und hielt schnurstracks auf das Haus welches zu. Aber irgendwas war eigenartig, ich konnte mir nicht erklären was, jedenfalls stimmte hier draußen etwas ganz und gar nicht. Ich hielt kurz inne und sah mich um, dort oben, zwei, drei Häuser weiter standen sich zwei Frauen, es sah aus als waren es Frau Schmitz und Frau Seidel, und beschimpften und prügelten sich angeregt. Aber das war es nicht, was hier so entsetzlich anders war, daß ich förmlich eine Gänsehaut davon bekam. Ich suchte weiter. Es war auch nicht Franz, der gerade Herrn Schmitz' nagelneuen Benz hingebungsvoll mit einem Brecheisen bearbeitete, nein, und ebensowenig Helmuts Gartenhaus, das Lichterloh in Flammen stand. Auch an Frau Seidel konnte ich nichts seltsames feststellen, obwohl sie scheinbar gerade damit beschäftigt war unter recht schlüpfrigen Schimpftiraden meine Fenster eines nach dem anderen mit Steinen einzuwerfen. Etliche Meter weiter oben Richtung Keplerstraße hörte ich Lärm. Ich ging hinauf und fand mich plötzlich mitten in einer Straßenschlacht wieder. Die halbe Siedlung schickte sich an, sich mehr oder weniger fachgerecht gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, und da fiel mir auch wieder ein, daß ich ja mit einer Riesenwut im Bauch hier raus gekommen war. Ich konnte mich zwar nicht mehr daran erinnern, auf was, aber das war eigentlich nicht wichtig. Mit ohrenbetäubendem Kriegsgeheul stürzte ich mich mitten hinein.

"Na sowas, sieh einer an, die Schlampe aus der Galileo-Straße is ja auch da! Heh, Schätzchen, willste was auf's Maul?" brüllte irgendwer aus der Menge. Ich nahm an, daß ich gemeint war, und wenn nicht ... auch egal! Der Erstbeste, der mir dann vor die Faust lief, hatte ziemlich schnell eine ziemlich gewaltige sitzen. Dafür bekam ich von hinten ein Knie recht unsensibel ins Kreuz gerammt. Sternchen sausten um meinen Schädel und ich fand mich auf allen vieren wieder. Wenn ich den Mistkerl erwische! Ich beschloß, meine Taktik zu ändern und begann wie wild um mich zu treten und zu schlagen. Wen ich effektiv erwischt hatte, wußte ich nicht, aber hier und da klatschte mal links von mir etwas zu Boden, ein Knochen knackte, mein Fuß traf auf etwas weiches, gefolgt von Stöhnen. Ich war geladen wie eine Panzerfaust und rasend wie eine Wildsau auf Exstasy, und wenn ich ehrlich sein sollte, das fühlte sich richtig gut an! Also fuhr ich fort und war alsbald aufgedreht bis zum Anschlag, eine Atombombe während der Explosion.

Plötzlich traf mich etwas ziemlich hart an den Schädel, was mir wohl einen kleinen Dämpfer verpaßt haben mußte. Leicht benommen taumelte ich zurück und versucht den Nebel aus meinem Kopf zu schütteln. Dummerweise wurde mir davon erst recht schwarz vor den Augen. Meine Knie fühlten sich auf einmal an wie Schokoladenpudding mit Vanillesoße, und ich kippte rückwärts um, einfach so.

Als ich wieder aufwachte, bemerkte ich zuerst, daß ich die Kopfschmerzen meines Lebens hatte. Verwirrt suchte ich nach dem Grund dafür. Und dann schmeckte ich Blut in meinem Mund, was mich nicht gerade beruhigte. Als nächstes wunderte ich mich darüber, das es hier so entsetzlich kalt war, und wo zum Teufel war ich eigentlich? Ich öffnete die Augen, wartete mehrere Augenblicke bis meine Sicht klarer wurde und sah mich dann um. Ich fand mich in einem Schneehaufen wieder. Angestrengt überlegte ich, wie ich wohl dorthin gekommen war, und entschied aufzustehen. Meine Knie zitterten, ließen sich aber schließlich doch dazu überreden, so einigermaßen still zu halten, so daß ich ein paar wacklige Schritte die Straße entlang torkeln konnte. Moment, welche Straße eigentlich? Auf einmal landete eine Gestalt vor meinen Füßen, es war Frau Schmitz. Eilig rappelte sie sich wieder auf, stieß einen spitzen Schrei aus und hechtete handtaschenschwingend in die Richtung, aus der sie gekommen war. Erst jetzt fiel mir der Lärm auf. Ich blickte ein Stück die Straße hinauf - und wäre um ein Haar in den Schneehaufen zurück gekippt. Dort tobte ein regelrechter Krieg, Helmut hatte Franz in der Mangel und schlug wie wild auf ihn ein. Frau Schmitz jagte Herrn Seidel noch immer kreischend unter den Schlägen ihrer Tasche quer über die Straße. Ein anderer Mann den ich eigentlich nur vom Sehen kannte schlich sich von hinten an zwei Gestalten heran, die ich nicht weiter identifizieren konnte, da sie sich bereits eng ineinander verkeilt hatten. Der Mann hatte irgendwas in der Hand, das sah ich erst jetzt, und bevor ich irgend etwas hätte tun können, schlug er auch schon wie wildgeworden auf die beiden Ringer ein, scheinbar wahllos. Ich war ziemlich geschockt, was auch immer in die Leute gefahren war, irgend jemand mußte dem ein Ende bereiten. Und da ich selber offenbar die einzige Person war, die noch ihren gesunden Menschenverstand hatte, war klar, wer den Job übernehmen durfte.

" Hört auf! Verdammt nochmal, hört auf mit dem Schwachsinn! Merkt ihr nicht, was ihr gerade tut? Hört auf damit!" brüllte ich so laut ich konnte. Ich zwängte mich zwischen den offensichtlich irrsinnig gewordenen Menschen hindurch, schrie sie an endlich aufzuhören, schrie mir die Seele aus dem Leib. Niemand reagierte darauf. Sie machten damit weiter, sich gegenseitig reihum die Schädeldecke einzuschlagen. Plötzlich traf mich etwas ziemlich hartes an der rechten Schulter und riß mich zu Boden.

"Halt dich da raus!" kreischte mich Frau Schmitz schrill an, die Handtasche mit der sie mir eins übergezogen hatte schwang bedrohlich an ihrer Seite. Was sie dort überhaupt drin hatte, wollte ich gleich gar nicht wissen. Vorsichtig betastete ich meine Schulter, ob noch etwas davon übrig sei. "Halt dich bloß raus, du Früchtchen!" herrschte mich die überschäumende Frau weiter an. "Das ist eine Privatangelegenheit! Merk dir das! Zwischen mir und dem Rest der Nachbarschaft! Also hau ab, wenn du nicht auch'ne Tracht Prügel willst!" brüllte sie von Sinnen und ließ zur Drohung ihre Totschläger-Handtasche über ihrem Kopf rotieren. Aus Respekt vor dem Ding zog ich mich erst mal zurück, worauf Frau Schmitz kreischend wieder im Getümmel verschwand: "Meinen Staubsauger bekommt ihr nicht! Ihr könnt was erleben, ihr Mistkerle!"

Leicht frustriert nahm ich zur Kenntnis, daß die pure verbale Methode also nicht funktionierte. Das machte mich sogar ein wenig wütend, als ich über eine Alternative nachdachte. Vielleicht sollte man diesem Haufen Irrer den Verstand gehörig einprügeln. Ja, genau. Anders geht's wohl nicht. Ich schlage den ganzen Verein hier grün und blau, dann kommen die schon wieder zu sich. Eigentlich eine brilliante Idee, fand ich, krempelte die Ärmel hoch und stapfte wutschnaubend wie ein Stier in der Arena auf die Meute zu. Gerade wollte ich mir das erstbeste Bürschlein vornehmen, als mir spontan der Gedanke durch den Kopf schoß, daß da irgendwas leicht schief lief. Entsetzt bemerkte ich, daß ich mich soeben erneut blindlings in das Gemetzel stürzen wollte, es war einfach über mich gekommen. Das jagte mir einen gewaltigen Schrecken ein, trotz dem ich noch immer eine schneidende Wut im Bauch hatte, die mich jeden Augenblick verschlingen wollte. Auf keinen Fall! Das lasse ich nicht zu! Ich fand Franz in der Menge, er war gerade dabei Helmut ein neues Gesicht zu verpassen. Nein, jetzt nicht ausrasten! Nimm dich zusammen, du brauchst jemanden, der dir hilft!

Ich verwandte meinen derzeitigen Zustand dazu, Franz zu packen und aus der Menge zu zerren. Die ganze Rage in mir verlieh mir unnatürliche Kräfte, vor denen ein Teil von mir gehörig erschreckte. Ich hielt diesen einen Teil krampfhaft fest, um nicht wild auf Franz einzuschlagen zu beginnen, schleuderte ihn stattdessen geradewegs in einen Schneehaufen am Straßenrand und warf mich auf ihn. Rittlings auf seinem Brustkorb sitzend, die Arme mit den Knien am Boden festgenagelt hielt ich ihn unten. Er schäumte vor Wut, schaffte es aber nicht mich abzuwerfen, obwohl er um einiges größer und stärker als ich war. Ich hielt seinen Kopf fest, zwang ihn, mich anzusehen und schrie auf ihn ein, schrie die ganze Wut in mir aus mir heraus, anstatt sie in rohe Gewalt umzusetzen, wie es irgend etwas unerklärliches eigentlich von mir verlangte. Endlich, nach einer halben Ewigkeit, wie mir schien ließ Franz' Widerstand nach. Seine Augen klärten sich und verloren plötzlich ihren irrsinnigen Glanz.

"Was ... was ... ist passiert?" stammelte er verwirrt. Für alle Fälle hielt ich ihn noch immer fest. "Was .. tust du da? Was ist hier los? Bist du verrückt, oder was?" Franz sah mich verwirrt und fast sogar etwas verängstigt an. "Nein, Franz, ich bin halbwegs Herr meiner Selbst - im Moment noch. Wir müssen was tun. Etwas scheint die Leute dazu zu treiben, sich gegenseitig umzubringen. Wir verlieren die Kontrolle, und ich möchte nicht daran denken, was passiert, wenn wir das zulassen. Wir müssen was tun, Franz!" beschwor ich ihn eindringlich.

"Ist gut, aber tu mir zuvor noch einen Gefallen, ja?"

"Und der wäre?" fragte ich Mißtrauisch geworden nach.

"Bitte laß mich los! Ich krieg keine Luft mehr!"

 

Nachdem ich von seinem Brustkorb gekrochen war standen wir am Rande des Schlachtfeldes und überlegten fieberhaft, was wir überhaupt unternehmen sollten.

"Wir können sie doch nicht alle K.O. schlagen um sie zur Besinnung zu bringen. Die machen Kleinholz aus uns!" stellte ich fest.

"Etwas anderes ... irgendwas muß ja für dieses Grauen verantwortlich sein!"

"Ja, aber was?"

Wortlos ging Franz weg von mir, hob aus einem Vorgarten einen größeren Stein auf und schlenderte, ihn gedankenverloren in der Hand abwägend, wieder auf das Getümmel zu. "Halt, bleib stehen! Tu's nicht!" schrie ich ihm nach, da ich das schlimmste vermutete. Ich wußte, es war verlockend dem Drang nachzugeben, ein paar Gestalten hier zusammenzuschlagen. Irgend ein Grund lies sich immer finden. Aber das war Zwang, keine echte Wut. Also lief ich Franz nach und versucht ihn aufzuhalten. Er schüttelte mich ab wie eine Schmeißfliege, lief ungerührt weiter, aber offensichtlich an der tobenden Menge vorbei auf ein Haus zu. Jetzt erst fiel mir auf, wo diese Schlacht eigentlich stattfand. Ich hätte es schon eher bemerken müssen, dann wäre mir alles klar geworden Aber natürlich! In dem einen Fenster des Hauses Blinkte und blitzte hektisch eine Weihnachtsbeleuchtung - DIE Weihnachtsbeleuchtung. Ich folgte Franz, und je näher ich dem Haus kam, umso unwohler wurde mir. Von ihm schien etwas unsagbar Kaltes und Schreckliches auszugehen, mir wurde heiß und kalt gleichzeitig. Nein, es war nicht das Haus, es war die Beleuchtung! Konnte es wirklich möglich sein, daß eine blödsinnige Ansammlung von farbigen Blinklichtern so etwas mit Menschen anstellte? Ich mußte an Gehirnwäsche denken und schauderte dabei. Franz fing nun an zu laufen, hielt den Stein Wurfbereit und schleuderte ihn unter wildem Geschrei in das Fenster. Und als die Beleuchtung jäh erlosch, traf mich etwas ziemlich hartes am Hinterkopf, so daß auch bei mir die Lichter ausgingen.

 

Ich erwachte - mal wieder - mit schmerzendem Schädel und wußte zuerst gar nicht was passiert war, geschweige denn wo ich mich überhaupt befand. Es kostete eine wahnsinnige Anstrengung, die Augen zu öffnen. Alles war verschwommen, das Pochen hinter meiner Stirn wurde nahezu unerträglich. Endlich lichtete sich der Nebel und ich erkannte mein eigenes Wohnzimmer wieder. Offenbar befand ich mich ein weiteres Mal auf der Couch. Krampfhaft versuchte ich, mich aufzusetzen, als eine Stimme ertönte: "Bleib lieber liegen. Hast ziemlich was abbekommen!" Ich erkannte Franz, seine Kleidung war zerfetzt, der Arm eingebunden.

"Was ist überhaupt passiert?" wollte ich wissen, da ich mich nur noch daran erinnern konnte, wie Franz mit einem Stein bewaffnet auf das unheimliche Haus zusteuerte.

"Frau Schmitz hat dir ihre Handtasche über den Kopf gegeben."

"Nett von ihr ... ich meine, was ist passiert nachdem du den Stein geworfen hast!"

"Naja, auf einmal haben sich alle wieder beruhigt, es war, als hätte man auf irgend einen Knopf gedrückt. Alle sind sofort wieder normal geworden. Es ist wirklich verrückt. Draußen sieht's aus wie auf einem Schlachtfeld. Dein Haus ist noch halbwegs heil geblieben, von ein paar zerschlagenen Fensterscheiben abgesehen. Das war ein richtiger Krieg, da draußen!"

"Ich kann's einfach nicht glauben. Es ist wie in einer schlecht geschriebenen Schauergeschichte. Unfaßbar. Kannst du dir erklären, was uns dazu gebracht hat?" fragte ich Franz.

"Nein. Ist mir unerklärlich."
Doch obwohl wir uns scheuten, es auszusprechen, wußten wir beide nur zu gut, was es war, daß uns gegeneinander aufgehetzt hatte.

Wir wußten es genau, und keiner von uns würde in seinem ganzen Leben wohl jemals wieder eine Weihnachtsbeleuchtung anfassen ...