Wichtig für das vergleichsweise authentische historische Gewand ist natürlich die passende Unterwäsche.
Dabei gibt es je nach Epoche verschiedenes, grob jedoch lassen sich diese formenden "Mieder" in Schnürbrüste und Korsetts einteilen.

Da diese Unterscheidung oftmals zu herben Verwirrungen führt, mal an dieser Stelle ein paar Worte dazu:

Das Korsett ist das Mittel der Wahl bei sämtlichen Victorianischen sowie jahrhundertwendigen Kleidern. Von Korsetts spricht man in etwa ab den 1840-50ern mit der Erfindung der ganzen Metallteile die in so einem Korsett für gewöhnlich stecken: Ösen aus Metall, Spiralfeder-Stäbe und die typischen Korsettschließen (auch Planchette genannt). Die aufkommende Industrialisiserung machte derarte metallische Bauteile leichter produzierbar und damit auch billiger. Vorher hätte sowas schlichtweg viel zu viel gekostet.
In Punkto Körperform zeichnet sich das Korsett dadurch aus daß es die typische Sanduhr-Form erzeugt, dabei wird die Taille reduziert und die Oberweite angehoben (gilt für die historisch typischen Halbbrust-Modelle, Vollbrust ist eher eine moderne Erfindung, das Unterbrust-Korsett wurde zur Jahrhunderwende als leichte Alternative für sport-treibende Damen modern) .

Die Schnürbrust kam zu Zeiten der Renaissance auf, genauer gesagt in der zweiten Häfte des 16. Jahrhunderts, aber auch vorher waren mit den immer figurnaher werdenden Kleidern des späten Mittelalters versteifte Oberteile Mittel der Wahl um eine dem herrschenden Schönheitsideal passende Figur zu erzielen.
In der Renaissance war die Schnürbrust aber noch nicht das absolut notwendige Stück Unterbekleidung ohne das es keine Frau wagen durfte auf die Strasse zu treten wie im Rokoko, vielmehr haben wohl eher adlige Damen die großen Wert darauf legten nach der neuesten und edelsten Mode gekleidet zu sein sowas getragen. Alternativ gab es aber auch versteifte Oberteile die wie eine Schnürbrust wirkten sodaß ein extra Mieder untendrunter nicht notwendig war (in den Bestandeslisten der Kleider von Elizabeth I sind beide Varianten aufgelistet).
Dem elizabethanische Schöheitsideal entsprechend drückten Renaissance-Schnürbrüste die Oberweite möglichst flach, weibliche Formen waren nicht "in" bei edlen Damen, als Abgrenzung zu der arbeitenden Schicht.
Im Barock (17.Jahrhundert) waren meist die Oberteile selbst versteift was eine extra Schnürbrust auch hier überflüssig machte, im Rokoko (das 18. Jahrhundert) hingegen war die Schnürbrust absolute Pflicht für jede Dame gleich welchen Standes.
An arme Frauen die sich ein Mieder nicht leisten konnten wurden sogar Schnürbrüste verteilt damit sie in der Öffentlichkeit zumindest anstädig bekleidet sein konnten.
Hier drückte sie die Oberweite nicht platt sondern hob das Dekoltee an und formte so einen üppigen Vorderbau.
Anfang des 19. Jahrhunderts schrumpfte die Schnürbrust zu einem Teil das unter den leichten Kleidern des Empire nur noch die Oberweite stützte, es gab aber auch lange Formen die über die Hüften reichten um die Figur sanft zu formen. Hier geht form-mässig langsam der Übergang zum Korsett an.
Und die Form ist eins der wichtigen Unterschiede zum Korsett, denn die Schnürbrust formt den Oberkörper zu einer Art Kegel.
Fischbein und Reet sowie hölzerne Blankscheite in der vorderen Mitte wurden zur Versteifung verwendet. Die Ösen waren ebenfalls nicht aus Metall sondern handgestickt, auch deren Anordnung war im Gegensatz zum Korsett nicht über Kreuz (wo die Ösen parallel sitzen) sondern spiralförmig (da lagen die Ösen versetzt).

Auch zu victorianischen Zeiten war eine Dame die ungeschnürt war nicht vollständig bekleidet, was als unzumutbarer Zustand betrachtet wurde.

Gerade im englischen Sprachgebrauch wird auch die Schnürbrust fälschlicherweise als "corset" bezeichnet, es ist technisch gesehen aber keines. Auch jedwede Gerüchte daß zu barocken Zeiten extrem schlimm geschnürt wurde ist schlichtweg falsch, wer schonmal eine Scnürbrust trug weiß aus Erfahrung daß man mit so einem Teil kaum etwas reduzieren kann, bedingt durch die Form in die der Körper gebracht wird. Die extremste Ausprägung der Taillenreduktion fällt auf die Jahre 1904-6 durch das sogenannte S-Linien Korsett.

Natürlich sind Korsetts und Schnürbrüste auch oben drüber faszinierende Bekleidungsstücke ;)


Weiterführender Literaturtip: Norah Waugh - Corsets and Crinolines


Korsetts

Stays