Operation Liesl ... oder: Größenwahn pur.


Zuerst sollte es das Phoenix-Kleid von Elizabeth höchtspersöhnlich sein, ich hatte auch bereits damit angefangen, da aber das Besticken des Partlets so lange gedauert hat, hatte ich derweil genug Zeit meine Pläne ein paarmal zu ändern.
Auf jeden Fall soll dieses Kleid das mit Abstand aufwendigste und prachtvollste Stück ein das ich bis dahin jemals gemacht haben werde. Dementsprechend wird es sicher nicht in ein paar Wochen fertig werden.
Angefangen hab ich schon in etwa an Weihnachten 2006, aber noch bin ich nicht übertrieben weit gekommen da ich meistens an mehreren Sachen gleichzeitig arbeite und ich einfach zu schnell die Lust verlieren würde wenn ich so lange an ein und demselben Teil werkeln müste.

Das hier ist definitiv ein richtiges Größenwahnprojekt, ich versuche auch soweit authentisch inspiriert zu arbeiten ... was ich damit meine ist daß ich versuchen möchte an den Aufwand der elizabethanischen Gewänder herankommen möchte, mit so viel Handarbeit wie es geht. Richtig authenthisch ist allerdings kaum machbar, schon weil die Materialien nicht historisch tauglich sind.
Noch dazu habe ich keinen Beweis daß es exakt so ein Kleid wie ich es vorhabe gegeben hat. Man könnte argumentieren daß es sicher möglich gewesen ist daß es sowas gab, aber ohne konkreten Beweis bleibt es eben Spekulation


Der Plan:


Stilmässig werde ich mich hier bei der spanischen Mode aufhalten, bzw den deutschen Kleidern in Patterns of Fashion die eindeutig von der spanischen Mode beeinflusst sind.
Bei den Mustern und Stilelementen werde ich mich bei Originalen bedienen, teils auch etwas großzügig ;).

Nachdem ich meine Pläne in der Zwischenzeit schon mehrmals geändert habe und natürlich auch mehr dazugelernt hab uuml;ber diese Mode (und denke daß es auch noch immer genug zu lernen gibt) habe ich inzwischen recht konkrete Vorstellungen:


Beteiligtes Material (Stand: Januar 2008)


So, dies hier soll nun eine Liste der Stoffe, Zutaten etc sein/werden die ich im Laufe der Zeit für das Kleid angesammelt habe und dann auch verbraten werde.

 


Die Chemise


 

Die erste Schicht ist die sogenannte Chemise, sie besteht aus weißem Leinen und ist mit schmaler Silberspitze am Ausschnitt und an dem Ärmelrüschen verziert. Dieses Teil ist das Unterhemd wie es von Männlein wie Weiblein als unterste Schicht Bekleidung getragen wurde, egal welcher Stand.
Die Unterwäsche hielt die Oberbekleidung sauber von Körperschmutz, eigentlich waren alle Kleidungsstücke die direkten Hautkontakt hatten aus Leinen da dieses Material waschbar war ... die damaligen Waschmethoden waren ziemlich ruppig.
Diese Chemise hatte ich bereits gemacht als ich noch vorhatte das Phoenix-Kleid nachzunähen, daher ist die Verzierung mit der Silberborte vom zugehörigen Gemälde entnommen.

Der Schnitt (sofern man das überhaupt als solchen bezeichnen kann ;) ) funktioniert ganz einfach per Schema. Damals wurde darauf geachtet daß die Klamotten möglichst wenig Abschnitte beim Zuschneiden produziert haben, weil Stoff war ungemein teuer und man wollte dann natürlich die ganze Breite so gut wie möglich ausnützen.
Die Chemise war auch Nachthemd, jedoch wurde das Hemd durchaus regelmässig gewechselt und gewaschen. Übrigens hat sich diese Art des Schnittes und der Chemisenform über viele weitere Epochen gehalten, nur die Ärmel haben sich verändert.

Hier einmal der Schemaschnitt mit den ungefähren Maßen.
Alle Teile mussen zweimal ausgeschnitten werden, Teil 1 ist der "Körper" an den Schulter habe ich das zu beiden Seiten noch etwas abgeflacht und dann zusammengenäht - mit einem Schlitz für den Kopf.
Teil 2 sind die Achselkeile die zwischen Ärmel und "Körper" kommen, Teil 3 sind Seitenkeile die direkt unter dem Ärmel angenäht werden. Teil 4 ist dann der Ärmel, der wird oben an der Schulter eingereiht, und am Handgelenk ebenfalls, jedoch ca 10cm vor der Kante, dieser restliche Stoff bildet dann eine Rüsche. Damit diese hält habe ich ein weißes Baumwollband über das Gereihte genäht.
Komplett authentischerweise müsste man die Geschichte per Hand und mit Kappnähten nähen, zu der Zeit als ich diese Chemise gemacht habe war mir historisch korrekt aber noch nichrt ganz so wichtig, daher ist das Teil maschinengenäht und die Kanten innen per Overlock verzäckelt.

Jedenfalls, diese Chemise ist aus weißem Halbleinen, ich hab so an die 2m verbraucht. Die Ärmel werden mit kleinen Knöpfen geschloßen die ich der Optik halber mit dem Chemisenstoff überzogen habe. An den Armrüschen und dem Ausschnitt - den ich dann später mit angezogener Schnürbrust zuerst angezeichnet habe, und dann ausgeschnitten und mit Schrägband versäubert - ist silberne Spitzenborte.
Das Hemd hat neben den Overlocknähten noch andere Fehler, und zwar hätte ich für die Dekade die ich mit dem Kleid und auch dem vorhergehenden welchen, unter dem ich dieses Hemd auch trage einfache Manschetten machen müssen über denen kleine Ärmel-Mühlsteine getragen werden ... vielleicht ändere ich das auch noch ...
Für eine genauere Chemisen-Anleitung schaut euch mal folgende Seite bei marquise.de an. Ist zwar für Rokoko, aber wie gesagt, das Schema ist das gleiche. Bei Gelegenheit möchte ich aber noch eine eigene Anleitung schreiben und hier herein setzen.


Die Schnürbrust


 

Nach dem Bau meiner ersten Schnürbrust für meine Rokoko-Kleider hatte ich von den Teilen erstmal die Schnauze voll, aber nachdem ich mit den elizabethanischen Sachen anngefangen habe und die Rokoko-Schnürbrust zuerst auch da drunter tragen musste wollte ich eine die besser darunter passt
Der zweite Versuch war dann aus blauem Poly-Goldbrokat, formmässig leider danebengeraten weswegen ichs nur einmal getragen hab, und das Polytier als Oberstoff war auch nicht grade OK.
Dann hab ich mich nochmal aufgerafft und nochmal eine gemacht, diesmal passt die Form und sogar die Versteifng ist recht historisch korrekt, und zwar vollversteift mit dünnen Reet-Stäbchen. Vorne hat die Schnürbrust ein Blankscheit. Eingefasst ist das Ganze mit Leinen-Schrägband und die Ösen hinten sind handgestickt.
Oberstoff ist mitternachtsbalue Doupion-Seide, was zwar farb- und materialmässig nicht hundertpro OK ist, aber schwarze Seide konnte ich nicht auftreiben in der Festigkeit wie Doupion oder Taft. das Zwischenfutter ist aus meinem Standard-Korsettzwischenfutterstoff, das sichtbare Futter wieder schwarzes Leinen.
Trotz der Tatsache daß das vollversteifte Teil wirklich wie ein Panzer wirkt lässt es sich erstaunlich gut tragen. Das Teil ist bis auf den Tunnel für das Blankscheit und das Schrägband maschinengenäht, eigentlich wollte ichs komplett handnähen, aber meine Nähte sind einfach nicht gerade geworden ...


Die Farthingale


Die Farthingale ist im Prinzip ein Reifrock der dem Kleid die typische Form gibt. Es gab zwei Versionen der Farthingale: die spanische, die eine A-Förmige Linie macht und schon um 1485 in Spanien aufkam (daher der Name ;) ) wo diese verstärkten Röcke zuerst obendrüber getragen wurden, dabei waren die Stäbe nicht wie bei neumodischen Reifröcken innen aufgesetzt, sondern auf der Aussenseite. Die spaische Farthingale verbreitete sich dann während des 16. Jahrhunderts dann auch in die Mode anderer Länder und war ebenfalls typisch für die Tudor-Mode die vor der Elizabethanischen getragen wurde.
Später, etwas um 1590 kam die französische Farthingale auf. Sie bestand aus einer mit Weidenzweigen verstärkten Scheibe die an der Taille waagerecht vom Körper abstand und dem Rock somit die Form einer (nicht sehr elegant ausgedrückt) Tonne gab. Meistens war die Auslage hinten grösser als vorne, vor allem nachdem um 1590 eine Form vom Oberteil modern wurde die in der vorderen Mitte sehr weit nach unten reichte. Damit war die Mode zu dem Zeitpunkt wohl am unhandlichsten und steifsten überhaupt - sogar für elizabethanische Maßstäbe (und wer hats erfunden? Die Franzosen *gg*).
Diese Form der Farthingale entwickelte sich wahrscheinlich aus dem Weiberspeck, eines Hüftkissens das um 1570-80 über der spanischen Farthingale zusätzlich getragen wurde.

Da ich mich mit dem Kleid in den 1580ern bewegen werde habe ich eine spanische Farthingale gemacht.
Auch hier hab ich diesen Reifrock gemacht als ich noch weniger wusste und noch nicht viel auf historische Korrektheit geachtet habe, daher ist die Farthingale aus mittelschwerer Baumwolle, statt Leinen, die Kanten mit Overlock gezäckelt und das ganze Ding ist auch maschinengenäht, die Schnittführung ist nach Jean Hunisetts Buch gemacht und damit teilweise zwar korrekt aber eben nicht ganz. Sie erfüllt zwar ihren Zweck und macht die richtige Form, aber je mehr ich dazulerne umso mehr nerven mich solche Details, auch wenn mans nicht direkt sehen kann.
Verstärkt ist die Farthingale mit 3 Reifen aus Flachfeder (13mm) .. eingeplant waren mehr Reifen aber auch die drei tragen schweren Baumwollsamt schon sehr gut. Nötigenfalls kann noch ein 4. Stab eingezogen werden da ich 4 Tunnel aufgenäht habe.
Bilder folgen noch ...


Die Ärmel


Bei elizabethanischen Kleidern werden die Ärmel nicht wie heute oder bei späteren Epochen an den Armausschnitt des Oberteils angenäht, sondern mittels sogenannter Nestelschnüre an das Oberteil geschnürt (im frühen Barock sieht man das ab und an noch ..). Dazu hat der Ärmel am oberen Abschluss eine Reihe handgestickter Ösen, und im Armloch ist meistens eine Leiste angebracht die ebenfalls Ösen hat. Manchmal werden die Ösen aber auch direkt ans Armloch und damit sichtbar angebracht, was hauptsächlich bei den Italienern modern war.
Ärmel waren meist reich verziert, mit Perlen, Stickereien, Gold- und Silberborten, aber auch Glasperlen und Kordelstickereien habe ich bereits gesehen. Ebenfalls war es auch üblich durch kunstvoll angebrachte Schlitze im Oberstoff des Ärnels diesen zu verzieren. Dabei wurde unter den Schlitzen ein kontrastfarbiger Stoff sichtbar.

So auch bei meinen Ärmeln. Meine Vorlage war ein paar Ärmel die zum Kleid der "Pfalzgräfin Dorothea Sabina von Neuburg" gehört haben, was in "Patterns of Fashion (1560-1620)" dokumentiert ist. Der Unterschied bei meiner Version sind einerseits die Farben, andererseits die Breite der Schlitze (im Original halb so groß) und die Breite und Art der Borte zwischen den Schlitz-Reihen (Meine ist wesentlich dünner und sieht auch ganz anders aus). Die Ärmel sind aus weißer Doupion-Seide für die unterste Schicht und schwarzer, leichter Seide aussen. Die Borte wurde per Maschine aufgenäht, die Raffung der Schlitze ist Handarbeit. Gefüttert ist das ganze dann mit schwarzem Leinen,der ganze Ärmel ist mit der Hand und Seidengarn zusammenzgeäht.
Jetzt fehlen nur noch die Schnürösen.

Das Bild zeigt den Ärmel noch im nicht zusammengebauten Zustand. Bild vom fertigen Stück folgt ...


Das Forepart


Das Forepart ist ein schürzenähnlicher Einsatz der vorne auf die Farthingale gepinnt wird und somit die Lücke ausfüllt die der vorne offene Oberrock freilässt.
Diese Foreparts waren meist aus kontrastfarbigem Stoff, oftmals Brokate und reich verziert mit Perlen und Edelsteinen, oder gar komplett bestickt.
Mein Forepart besteht aus schwarzem Seidentaft auf den ich weiße Streifen aus Doupion-Seide aufgenäht habe, die Kanten wurden dann mit silberner Borte und schwarzer Kordel nochmal verziert, was man HIER nochmal besser sehen kann.
Bei den Streifen bleibt das natürlich nicht, es wird auch gestickt bis die Finger abfallen :D und dazu noch mit Glasperlen aufgemotzt .. das obere Bild wird durch anklicken groß in neuem Fenster, da kann man schon ein bisschen was sehen, weiter bin ich derzeit auch noch nicht.


Der Oberrock


Hier kommt jetzt der purpurne Samt zum ersten mal zum Einsatz.
Der Oberrock war eigentlich das erste Teil mit dem ich angefangen hatte, da er auch die größte Fläche zu besticken hat. Der Rock besteht im Prinzip lediglich aus einem Stoffquadrat welches oben später in Falten gelegt wird. Vorher wird der komplette Stoff mit silbernen Linien bestickt, 10cm voneinander entfernt, auf die Kreuzungen kommen dann 8mm Glasperlen, und kleinere jeweils auf die Hälfte der Linien, auf dem oberen Bild (welches auf Klick wieder größer wird) sind die Perlen nur aufgelegt, noch nicht festgenäht. Der Rock hat ausserdem ein Band aus schwarzem Seidentaft erhalten und rundum silberne Borte.
Band und Borte sind per Hand aufgenäht worden, vor allem aus dem Grund weil Samt etwas schwierig ist, aber sogar die Handarbeit (die insgesamt 12 Studen gedauert hat) hat nicht wirklich die Ergebnisse gebracht die ich wollte, die Seide hat sich stellenweise ziemlich verzogen sodaß ich wohl nochmal an den Stücken neu machen muss.
Auf die Seidenborte werde ich noch Perlen und evtl Stickereien aufbringen, schätzungsweise Tudor-Rosen. Den ganzen Stoff in seiner vollen Länge kann man HIER nochmal sehen ... die Farbe des Samtes lässt sich aber kaum ablichten, daher geben die Bilder die tatsächliche Farbe nicht so ganz wieder ...


... to be continued as soon as there is something to continue ;-)